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Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Flüchtlingsdrama im Mittelmeer Schande CARSTEN HEIL

Bielefeld (ots) - Es ist eine Schande, und diese Schande wird noch lange anhalten. Es wird Hunderte, ja Tausende Todesopfer geben in den kommenden Jahren - und wirksame Hilfe ist schwer zu organisieren, fast unmöglich. Viele werden ihre Flucht nicht überleben. Nicht die Zeitspanne zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert n. Chr. ist das wahre Zeitalter der Völkerwanderung, sondern die Gegenwart ist es. Tausende, nein Hunderttausende Menschen aus Afrika wollen das rettende Ufer Europa erreichen. 6.000 waren es allein in den vergangenen Tagen. Sie fliehen aus der Heimat, verlassen ihre Familien, Frauen und Kinder, weil sie es einfach nicht mehr aushalten. Und vielleicht in der Hoffnung, in Europa so Fuß zu fassen, dass sie die Daheimgebliebenen unterstützen können. Die Gründe sind vielfältig: Armut, Bürgerkriege, Hunger, Tod, Perspektivlosigkeit. Auf solch eine abenteuerliche Flucht begibt sich niemand leichtfertig. Niemand. Deshalb darf in Europa auch nicht leichtfertig darüber hinweggesehen werden, was gerade geschieht. Italien und andere südeuropäische Länder dürfen nicht mit dem Problem alleingelassen werden. Allein in Libyen sollen 600.000 zum Übersetzen bereite Menschen sitzen. Europa muss helfen. Aber auch Europa wird nicht in der Lage sein, diese Situation zu bewältigen. Die Flüchtlingsfrage ist eine Weltaufgabe, ein Thema für die UNO. Denn woanders sieht es nur geringfügig besser aus. Die USA schotten sich nach Mexiko ab mit ebenso hohen Zäunen wie Spanien in Melilla. Und was passiert, wenn Menschen aus Asien vor Umweltzerstörung und Kriegen fliehen, sich ebenfalls nach Europa in Bewegung setzen? Erst in der vergangenen Woche hat ein UN-Bericht darauf hingewiesen, dass der Klimawandel weltweit zunehmend zu gewaltsamen Konflikten führen wird. Ein weiterer Grund für weltweite Fluchtwellen. Was tun? Mehr Menschen in Europa, und zwar in ganz Europa, aufnehmen? Unmöglich oder doch nur begrenzt, gekoppelt an Quoten. Das würde Europa überfordern, die Sogwirkung nur noch verstärken und zudem Afrika weiter ausbluten, denn nur die Stärksten kommen durch, und die fehlen in ihrer Heimat. Unterlassen wird man es nicht können. Ein großangelegtes Hilfsprogramm für Afrika starten, damit die Menschen in ihrer Heimat Hoffnung schöpfen und dort bleiben? Unmöglich. Seit Jahrzehnten versucht Entwicklungshilfe, versuchen Hilfsorganisationen, Perspektiven zu geben. Oft selbst hilflos und mit falschem Ansatz. Wer weiß schon, was wirklich hilft? Außerdem: Hilfe aus dem Westen hat oft nicht das gewünschte Ergebnis gebracht. Und diese Strategie würde Europa ebenfalls überfordern. Ein so großer Kontinent wie Afrika mit einer guten Milliarde Menschen bei extremer Bevölkerungsexplosion ist nicht binnen weniger Jahre neu aufzustellen. Dennoch: besser, als nichts zu tun. Den Westen weiter abschotten, die Zäune erhöhen, mehr Flüchtlinge absaufen lassen? Unmöglich. Das können zivilisierte Menschen mit Achtung vor dem Leben nicht vorschlagen. Den zynischen Schleuserbanden mit Gewalt das Handwerk legen? Ein richtiger Schritt, aber keine echte Lösung im Sinne der Menschen. Es bleibt Rat- und Hilflosigkeit. Oder der Versuch, von allem wenigstens etwas zu tun. Deshalb wird die Zeit der Schande lange andauern. Reiche Länder müssen mit ihr leben, viele Flüchtlinge werden mit ihr sterben.

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