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Neue Westfälische: Neue Westfälische Bielefeld: Missbrauch-Skandal in Deutschland Ellenbogen raus! JÖRG RINNE

    Bielefeld (ots) - Missbrauch, Misshandlung, Erniedrigung - kein Tag vergeht im März 2010, an dem nicht neue Fälle dieser Art in Deutschland bekannt werden. Zum Teil Jahrzehnte zurückliegend und sich jetzt tränenreich Bahn brechend, zum Teil aktuelle Übergriffe auf Kinder von unvorstellbarer Grausamkeit. Wirklich unvorstellbar? Sind es vermehrt Einzelfälle, die unsere Gesellschaft einfach ertragen und aushalten muss oder zwingt uns der Missbrauch-Skandal zum Innehalten, zum Nachdenken über unsere Evolution, unseren menschlichen Zustand? Sexualität, so lehrt uns die aufgeklärte Welt, kann etwas Wunderbares sein. Im Einklang der Partner gibt es keine Tabus mehr. Im Gegensatz dazu ergötzt sich die moderne Gesellschaft längst in allen Lebensbereichen an nacktem Fleisch. Sex ist an allen Orten jederzeit verfügbar. Und wenn gerade einmal nicht, hilft die Technik. Auswüchse sind längst erkannt - und doch akzeptiert. Pornografie gehört schon für viele Jugendliche zur Lebenswirklichkeit. Die Gesellschaft im 21. Jahrhundert zeigt sich aufgeschlossen und abgebrüht. Doch die allgemeine Freizügigkeit wird auch ausgenutzt, um Macht zu demonstrieren. Wenn Sex die alleinige Unterwerfung des Anderen bedeutet, ist eine gefährliche Grenze überschritten. Zumal, wenn sich der Gegenüber in der schwächeren Position befindet, abhängig oder gar ausgeliefert ist. Vielleicht tragen wir Menschen dies als evolutionäre Last in uns. Doch dann müssen wir sie ablegen -aufgeklärt und modern, wir wir uns sehen. Denn es kann nicht sein, dass wir diese Seite verdrängen, nicht wahrhaben wollen. Wer sich jetzt überrascht zeigt von den Auswüchsen des sexuellen Missbrauchs in Deutschland, hat sich viel zu lange etwas vorgemacht. Nachrichten über kinderpornografische Aktivitäten im Internet gehören doch längst zum Alltag, weltweit operierende Netze werden von der Polizei vereinzelt enttarnt, ohne das Problem nachhaltig bekämpfen zu können. Im Gegenteil: Jüngst wurde ein Staatsanwalt in Paderborn trotz kinderpornografischer Verfehlungen befördert - seine Taten waren im juristischen Sinne verjährt. Die Politik schaut diesem Treiben ungerührt zu, verfängt sich in irrealen Diskussionen über Online-Sperren, akzeptiert Gesetze, die Kinderschänder oft milde davonkommen lassen. Was also tun? Zunächst müssen wir die Schutzräume aufbrechen, in denen sich die Täter verschanzen. Kirchen dürfen keine rechtsfreien Zonen sein, in denen selbsternannte Tugendwächter darüber entscheiden, wer wie bestraft - oder vielleicht nur versetzt - wird. Schulen dürfen kein unkontrolliertes Eigenleben führen, in dem sich falscher Korpsgeist der Pädagogen entwickeln kann. Familien dürfen nicht allein ökonomisiert funktionieren, so dass Kinder nur noch Ballast sind. Unsere Gesellschaft ist individualisiert, mit starken Ellenbogen ausgestattet. Lasst uns diese einsetzen - gegen falsche Autoritäten und machtgeile Mitmenschen.

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