Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Günstiges Öl wird auf Dauer teuer
So schön die niedrigen Preise für einige sind: Langfristig lohnt sich teures Tanken mehr. Leitartikel von Martin Anton

Regensburg (ots) - Ausgiebiges Grinsen an der Tankstelle, erstaunte Blicke bei der Heizkostenabrechnung - Menschen, die Autos mit Verbrennungsmotoren fahren oder einen Heizölkessel besitzen gehören augenscheinlich zu den Gewinnern der aktuellen Ölpreiskrise. Auch in anderen Bereichen kommt es aufgrund der niedrigen Energiekosten zu Einsparungen. Insgesamt könnte eine länger anhaltende Phase billigen Öls die Menschen aber teuer zu stehen kommen. Denn zunächst gibt es schwere politische Folgen. Nicht nur die Volkswirtschaften in den Ländern Saudi-Arabien und Iran, die im Anschluss an die Verhandlungen in Doha als Hauptschuldige für das Scheitern ausfindig gemacht wurden, leiden unter den Niedrigpreisen. Länder wie Algerien und Venezuela brauchen die Erdöleinnahmen dringend. Nigeria gilt wirtschaftlich zu 90 Prozent vom Öl abhängig. Nun ist diese Abhängigkeit vieler erdölfördernder Länder sicherlich auch die Folge fehlender Investitionen in andere Wirtschaftszweige zu Zeiten, als mit dem Öl auch noch die Einnahmen sprudelten, und somit hausgemacht. Das ändert aber nichts daran, dass die daraus entstehenden Probleme auch über die Grenzen dieser Länder hinaus zu spüren sind. Gerade in afrikanischen Staaten wie Nigeria, Angola oder Algerien erhöhen dauerhaft niedrige Ölpreise den Migrationsdruck, eben weil die Wirtschaften so sehr auf die Ölindustrie ausgerichtet sind. Nigeria muss bereits neue Schulden machen, Sozialausgaben und Renten sind in Gefahr, mit schrumpfenden Ressourcen steigt das Potenzial für Konflikte und Flucht. Doch auch hierzulande wird nicht langfristig gedacht. Denn mit dem bisschen Extra-Geld, das man beim Tanken und Heizen spart, wird oft noch mehr getankt. Und die gleichen Leute, die bei hohen Ölpreisen noch von Nullenergie-Haus, Shared E-Mobility und Photovoltaik gesprochen haben, kaufen jetzt Spritschleudern und Heizölkessel. auch in den Entwicklungsabteilungen der Unternehmen, so beobachten Experten, hemmen niedrige Ölpreise eher Innovationen als dass sie sie fördern. Das hat dann auch Folgen für die Umwelt. Grundsätzlich sind Klimaschützer zwiegespalten, wenn es um billiges Öl geht. Einerseits sorgen die Preise für mehr CO2-Ausstoß und weniger Investitionen in klimafreundliche Energien. Andererseits schafft die Ölschwemme auch, was Aktivisten seit Jahren vergeblich versucht haben, nämlich den Stopp der Ölförderung in der Arktis. Auch das umstrittene Fracking ist derzeit für etliche Firmen nicht mehr rentabel. Denkt man zurück an die demonstrative Ernsthaftigkeit, mit der Staats- und Regierungschefs im vergangenen Winter in Paris noch den weltweiten Klimaschutz diskutierten, müsste diese umweltpolitische Lose-lose-Situation eigentlich ernste Konsequenzen für die Ölindustrie haben. Etwa durch Verbote gewisser Fördermethoden, beziehungsweise -standorte, damit beim nächsten Preisanstieg der Anreize für solche Investitionen entfällt. Denn das Ziel kann nicht sein, sich nur vom Öl der großen Opec-Nationen unabhängig zu machen, sondern muss sein, sich allgemein vom Öl unabhängig zu machen. Dafür braucht es innovative Technologien und stabile Förderländer, die zumindest die Möglichkeit haben, sich alternative Einnahmequellen zu erschließen. Und wenn das klappt, sollte man auch nicht zu enttäuscht sein, wenn das Tanken wieder etwas teurer wird.

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