Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Der Rest ist schweigen
Warum wir über den Absturz der Germanwings-Maschine reden müssen, ohne über ihn reden zu können. Leitartikel von Christian Kucznierz

Regensburg (ots) - Wie kann man über etwas sprechen, von dem man so wenig weiß? Oder, besser: Warum müssen wir so viel und so ausführlich über den Absturz der Germanwings-Maschine reden, obwohl das nichts an den Tatsachen ändern wird. Vielleicht an der Zukunft, weil der Unfall helfen könnte, ähnliche Tragödien zu verhindern. Aber am Drama von Flug Nummer 4U 9525 ändert das nichts mehr. 150 Menschen sind tot, darunter 16 Kinder, zwei Babys. Menschen, die sich gefreut haben, nach Hause zu kommen. Menschen, die minutenlang hofften, dass das alles doch nur ein Albtraum ist, dass der Sinkflug in einer Notlandung endet, nicht mit dem unausweichlichen Tod. Wahrscheinlich hat sich jeder diese Szenen in den letzten zwei Tagen vorgestellt. Genau das ist der Grund, warum wir reden müssen, ohne reden zu können. Damit wir in unseren Alltag ein Ereignis integrieren können, das so gar nichts mit unserem Alltag zu tun haben scheint. Aber das ist ein Irrtum. Der Tod ist Teil des Lebens, heißt es. Aber er ist es nicht wirklich. Wir verdrängen ihn in Altersheime und Krankenhäuser. Nun ist er auf einmal so real. Fliegen ist heute wie Busfahren. Wir steigen übers Wochenende ins Flugzeug, um Freunde oder Verwandte zu sehen, um einen Kurzurlaub zu machen. Wir sitzen ein paar Stunden mit Hundert anderen Menschen in einer Maschine, Tausende von Metern über dem Erdboden, und genießen die schnelle Art des Reisens. Ja, jeder kennt die Geschichte des einen oder anderen Flugzeugunglücks. Aber das passiert doch so selten, denkt man sich. Wir halten uns an Statistiken, an nüchterne Zahlen. Sie sind abstrakt genug, um uns in Sicherheit zu wiegen. Doch helfen Statistiken nur denen, die auf der guten Seite des Doppelpunkts stehen. Es gibt Ereignisse, die uns das klar machen. Und dann lassen uns die Bilder im Kopf nicht mehr los. Was wäre, wenn ich am Flughafen warten würde? Was, wenn ich in der Maschine gesessen hätte? Diese Fragen sind normal. Sie sind sogar wichtig. Sie helfen, das Unfassbare irgendwie anfassbar zu machen. Wir können nur mit Dingen umgehen, die wir verstanden haben. Deswegen versuchen wir, sie zu verstehen. Deswegen reden wir. Die Frage, warum das aber nur dann geschieht, wenn unsere Lebenswirklichkeit vermeintlich unmittelbar betroffen ist, ist berechtigt. 150 Tote - das geschieht jeden Tag, in jedem Krieg, in jedem Konflikt, bei Unfällen weltweit. Kaum einer hierzulande würde auf die Idee kommen, täglich Tränen zu vergießen, weil wieder Kinder in Syrien gestorben sind. Oder Frauen im Südsudan nach ihrer Vergewaltigung ermordet werden. Aber den Tränen nahe waren viele, als sie vom Schicksal der Schulkinder aus Haltern am See hörten, die an Bord von 4U 9525 waren. Ist das ein Zeichen von Doppelmoral? Nein. Es ist menschlich. Menschen können mit Leid nur umgehen, indem sie sortieren. Und um genau das wird es in den kommenden Tagen und Wochen gehen: Um das Sortieren. Dafür ist die Antwort auf eine Frage nötig: Was ist an Bord des A320 geschehen? Um vielleicht daraus zu lernen. Um zu lernen, mit einer Tatsache umzugehen: dass der Tod eben doch Teil des Lebens ist. Ja, es ist wichtig zu wissen, ob die Tragödie vermeidbar gewesen ist. Ob technische Probleme vorlagen, ob es menschliches Versagen war. Aber um das zu klären, ist es zu früh. Deswegen verbieten sich Spekulationen ebenso, wie Leidensgeschichten von Angehörigen oder das Ausschlachten von Geschichten aus den Leben der Opfer. Es verbietet sich Geschäftemacherei mit der Katastrophe. Wir müssen so lange reden, bis wir verstanden haben. Der Rest ist Schweigen.

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