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Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Susanne Wiedamann zu Bayreuth/Wagner

Regensburg (ots)

Buhrufe für Frank Castorfs "Rheingold"? Das ist keine Überraschung. Und auch kein Drama. Denn Buhrufe gehören bei den Bayreuther Festspielen zum Ritual. Selbst wenig gefällige Inszenierungen führten Bayreuth bisher nie in die Krise. Die Festspiele sind jedes Jahr ausverkauft. Dennoch ist viel von Krise die Rede. Bayreuth produziert Schlagzeilen. Ob Nike Wagner, Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier um die Intendanz streiten oder es andere Meinungsverschiedenheiten im Wagner-Clan gibt, gleich wird das große Ganze in Frage gestellt. Ob die Verpflichtung von Christoph Schlingensief 2004 oder nun des Skandalkünstlers Jonathan Meese, der wegen des Hitlergrußes vor Gericht steht, für den Parsifal 2016... - bei allem wird eine "Götterdämmerung" gewittert, an deren Ende der Untergang des "Grünen Hügels" samt Mann, Maus, Alberich und Walküre stehen könnte. "Risiko!", rufen einige schon fast genüsslich die Krise aus, denen dieses Festspiel zu museal, zu sehr Elite-Zirkus, zu wenig selbstkritisch ist, und auch zu wenig bereit zu einer konsequenten Aufarbeitung der NS-Verstrickungen der Festspiele und der Wagner-Familie. Da schütten Vorkommnisse wie die Enthüllung des Hakenkreuzes auf der Brust von Bass-Bariton Evgeny Nikitin 2012 oder die Meese-Verpflichtung Öl ins Feuer. Doch erschüttern all diese Vorwürfe den Grünen Hügel wirklich? Die jetzige Festspielleitung hat zum Beispiel durch die Überlassung des Nachlasses von Wolfgang Wagner an Journalisten und einen Historiker etwas dafür getan, dass eine wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Festspiele möglich wird. Katharina Wagner hat nachdrücklich den Antisemitismus ihres Urgroßvaters gebrandmarkt. Dass sie dennoch ausgerechnet Jonathan Meese die nötige Sensibilität zutraut, an historisch belasteter Stelle Wagner zu inszenieren, mag sich als eklatanter Fehler erweisen. Dass diese Entscheidung für sie selbst "folgenreich" sein wird, ist unwahrscheinlich. Und das nicht nur, weil Meeses Inszenierung - falls er nicht verurteilt wird - erst 2016 zu sehen sein wird, die Festspielleitung der beiden Wagner-Frauen aber schon 2015 zur Vertragsverlängerung ansteht. Katharina Wagner und ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier erweisen sich als fähiges Intendantenpaar. Dass Bayreuth im 21. Jahrhundert nicht den Oberen Zehntausend und bestimmten Unterstützerkreisen vorbehalten bleiben kann, haben sie begriffen. Mit Public Viewing und nach Rückzug des Sponsors mit Live-Kino-Übertragungen haben sie versucht, breiteren Schichten eine Teilhabe zu ermöglichen. Und auch die Bevorzugung privilegierter Gruppen ist - auf Druck - einer gerechteren und transparenten Kartenvergabe gewichen. Der künstlerische Balanceakt zwischen Bewahrung und Erneuerung gelingt mal besser, mal schlechter, doch eindeutig spürbar ist der Wunsch, sich nicht durch Werktreue fesseln zu lassen, sondern nach neuen künstlerischen Lesarten der Opern zu suchen. Hier werden Wagnisse unternommen. Wenn den Festspielen überhaupt Gefahr droht, dann durch die sich verändernden, schnelleren und hungrigeren Rezeptionsgewohnheiten im Internetzeitalter, und damit verbunden einer kürzeren Nachhaltigkeit. Mehr als bisher werden die Festspiele die Relevanz von Wagners Werk vermitteln müssen. Eine Ring-Neuinszenierung alle fünf, sechs oder sieben Jahre? Das könnte sich in einer verstärkt digital dominierten Zukunft als ungenügender Takt erweisen. Und auch Wagners Diktum, dass nur seine zehn Hauptopern im Festspielhaus gezeigt werden dürfen, wirkt unzeitgemäß, schließt spannende Begegnung von Wagner mit Zeitgenössischem aus. Hier werden die Festspiele wagemutiger als bisher neue Wege beschreiten müssen.

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