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Aachener Nachrichten: Kommentar: Perfekte Steilvorlage - Die Rückkehr Griechenlands an die kapitalmärkte und Merkels Besuch in Athen; Von Joachim Zinsen

Aachen (ots) - Hut ab! Diese Wahlkampfnummer hat was. Ihr Timing ist perfekt. Genau einen Tag vor Angela Merkels Besuch in Griechenland hat die Regierung in Athen Staatsanleihen an den Finanzmärkten platziert. Eine wunderschöne Steilvorlage! Mit ihr verschaffte der griechische Regierungschef Antonis Samaras sich und der Kanzlerin die Gelegenheit, gestern gemeinsam auf großer Bühne Hellas Rückkehr an die Kapitalmärkte zu feiern und diesen "Erfolg" politisch auszuschlachten. Beide taten das angesichts der Europawahl natürlich nach Kräften. Merkels Botschaft an das deutsche Publikum war: Seht her, ganz so schlimm ist es um Griechenland doch gar nicht mehr bestellt, meine Politik der rigiden Spar- und strengen Reformvorgaben hat Erfolg, macht Euch mal keine Sorgen um einen weiteren Schuldenschnitt für Athen. Samaras wiederum wollte den Griechen suggerieren: Leute, das Schlimmste ist überstanden, es geht endlich aufwärts. Das klingt alles toll. Nur: Dem zur Schau gestellten Optimismus widersprechen einige wirtschaftliche Fundamentaldaten. Zwar weist der griechische Staatshaushalt infolge brutaler Kürzungsprogramme erstmals seit Jahren wieder schwarze Zahlen auf - allerdings nur, weil aus ihm enorme Zinszahlungen herausgerechnet werden. Zwar steht in der griechischen Außenhandelsbilanz erstmals seit langem wieder ein kleines Plus - allerdings nur, weil die Binnenkonjunktur eingebrochen ist und das Land deshalb seine Importe massiv einschränken musste. Erkauft wurde dieser "Erfolg" zum Preis einer sozialen und ökonomischen Katastrophe. Die Arbeitslosigkeit in Griechenland liegt auf Rekordniveau, die Schuldenquote des Landes ist inzwischen sogar höher als zu Beginn der Krise. Der griechischen Wirtschaft wird nach Jahren des freien Falls für 2014 zwar erstmals wieder ein Mini-Wachstum vorhergesagt. Doch angesichts der Deflation im Land steht zu befürchten, dass es auch dieser optimistischen Prognose ergeht, wie ähnlichen in der Vergangenheit: Sie wird sich nach kurzer Zeit in Luft auflösen. Trotzdem sind die griechischen Staatsanleihen am Donnerstag weggegangen wie warme Semmeln. Warum? Weil weltweit der gewaltige Reichtum einer kleinen Schicht immer größer und für dieses Geld händeringend nach lukrativen Anlagemöglichkeiten gesucht wird. Da das Zinsniveau derzeit äußerst niedrig ist, sind Anleihen wie die griechischen, die immerhin noch eine Rendite von 4,75 Prozent versprechen, für Hedgefonds durchaus attraktiv. Zumal Spekulanten hoffen können, dass notfalls die übrige Euro-Zone für Griechenland einspringen wird, sollte das Land in fünf Jahren nicht in der Lage sein, seine neuen Schulden zu begleichen. Merkel und Samaras haben sich gestern gegenseitig bestärkt und um die Wette gestrahlt. Die Krise ist deshalb aber noch lange nicht ausgestanden. Vor allem nicht für Abermillionen Europäer, die statt auf Kapitalerträge auf Jobs, auf vernünftig bezahlte Jobs angewiesen sind.

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