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NRZ: Suche nach neuem Selbstverständnis - ein Kommentar von MANFRED LACHNIET

Essen (ots) - Was haben Flüchtlinge mit dem 3. Oktober zu tun? Nichts, könnte man meinen. Immerhin hat die deutsche Einheit nicht Fremde, sondern Menschen einer Nation, Sprache und Kultur wieder zusammengeführt. Grenzenlos war damals der Jubel, "willkommen" hieß es allerorten. Doch in das Glück mischten sich bald auch Bedenken ein. Vom "Fass ohne Boden" war die Rede, worauf der Soli eingeführt wurde. Es dauerte Jahre, bis die Menschen aus Ost und West zur echten Einheit wuchsen. Heute ist sie erfüllt. Eine lange, aber auch eine gute Geschichte. Skeptisch beäugten damals die europäischen Nachbarn das gewachsene Deutschland. Einige warnten sogar vor drohender germanischer Großmannssucht. Passiert ist genau das Gegenteil: Nach 25 Jahren Einheit staunen unsere Nachbarn, dass Deutschland nicht breitbeinig daherkommt, sondern den Fremden "willkommen" sagt. Zwar ist die Stimmung nicht mehr so entspannt wie noch vor zwei Wochen. Dennoch sind die Staatenlenker irritiert über unsere offene Haltung. Was für ein Wandel! Eine Parallele zu den heutigen Flüchtlingen liegt im Faktor Zeit. Die Integration von Menschen anderer Kulturkreise wird lange dauern. Das Erlernen unserer Sprache ist dafür unabdingbar, die Einhaltung von Gesetzen und der Wille zur Eingliederung ebenso. Zudem müssen wir diskutieren, was beim Thema Zuwanderung gut läuft und was nicht. Und auch: Wie viele neue Bürger wir überhaupt haben wollen. Die Debatte darüber ist dringend nötig. In ihr wird sich das künftige Selbstverständnis Deutschlands zeigen: Wie wollen wir in den nächsten Generationen leben? Was füllt dann den Begriff "deutsch"? Die Flüchtlingskrise hat die "Agenda Zukunft" angestoßen. Die Politik muss diese Diskussion ehrlich und besonnen moderieren. Nur so ist zu verhindern, dass Hetzer und Boulevardmedien den Ton angeben. Gegen Angst hilft nur Offenheit. Vertuschen ist genau so schädlich wie Übertreiben und Zuspitzen. Die gute Nachricht ist, dass trotz aller Mühen und Kosten auch ein positiver und großer Ertrag winken kann. Wenn die Integration von neuen Bürgern gelingt, dann wird unser Land eine Bereicherung erfahren. Mit uns Deutschen allein wird die Zukunft nicht zu bewerkstelligen sein. Die Globalisierung lässt sich nicht aufhalten. Von den Ereignissen im Jahr 1989 hat Deutschland enorm profitiert. Es ist zu wünschen, wenn die nächste Generation dies auch rückblickend auf den Herbst 2015 sagen könnte. Wer die Einheit geschafft hat, der kann sicher noch viel mehr.

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