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WAZ: Zum WM-Start in Südafrika - Freude auf die große Fußball-Party. Leitartikel von Ulrich Schilling-Strack

Essen (ots) - Zu unseren historischen Fußball-Momenten gehören nicht nur der Sieg im Wankdorf-Stadion und das Wembley-Tor. Auch das Turnier 2006 zählt dazu, allgemein bekannt als das Sommermärchen. Deutschland schied zwar im Halbfinale aus, wurde aber Weltmeister der Herzen.

Das ist ein ziemlich abgenutzter Begriff, passt aber in diesem Fall gut. Mehr als über Italiens Finaltriumph staunte die Welt damals über einen Gastgeber, der unbeschwert und fröhlich zum gemeinsamen Feiern lud. Ein Volk, das nach verbreiteter Überzeugung immer noch mit Pickelhaube den Stechschritt übte und zum Lachen im Keller verschwand, erschien erstmals locker, ziemlich cool. Fahne und Hymne, bis dahin meist fest im Griff der Ewiggestrigen, rückten in die Mitte der Gesellschaft. Der Bundesadler schmückte nicht mehr die Brust eines Kahlkopfs mit Springerstiefeln, sondern das bunte T-Shirt eines Teenagers.

Das war schon sensationell. Der Deutsche, der bis dahin aus gutem Grund nationalen Symbolen eher distanziert gegenüberstand und sich im Ausland im Zweifelsfall lieber als Norweger ausgab, entwickelte so etwas wie Nationalstolz. Und das, ohne die anderen gleich hämisch niederzumachen - wer hätte das gedacht.

Vier Jahre später ist Normalität eingekehrt. Wenn heute in Südafrika die Fußball-Weltmeisterschaft beginnt, sind wir schon wieder in Stimmung. Und das nicht nur, weil unlängst in Oslo ein junges Mädchen den Sieg im Eurovision Song Contest ebenfalls ganz locker mit unserer Fahne feierte. Vielerorts haben sie die Straßen geflaggt, nicht nur mit unseren Farben, sondern auch denen der anderen Teilnehmer, weil sich eben alle auf eine große Party freuen. An den Autos flattert längst wieder der Wimpel, die Biertisch-Decke ist in sattem Schwarz-Rot-Gold gehalten, na und?

Mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Untergang eines Schreckensregimes, das uns Fahnen und Hymnen erstmal gründlich ausgetrieben hatte, sind wir endlich angekommen, wo Franzosen, Engländer, Spanier schon immer waren. Wir freuen uns über unsere Erfolge, ohne gleich die erste Strophe des Deutschland-Lieds zu schmettern. Aber auch ohne ein schlechtes Gewissen. Wir sind Papst, wir sind Lena, und wenn uns die Sonne über Südafrika lacht, sind wir in vier Wochen vielleicht auch Jogi. Wie sagte schon Theodor Heuss, der als erster Bundespräsident den unverkrampften Umgang mit nationalen Symbolen vormachte?

Nun siegt mal schön.

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