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WAZ: Blutiger Angriff auf Schiffskonvoi - Israel isoliert sich. Leitartikel von Gil Yaron

Essen (ots) - Israelis sind oft sehr stolz auf ihren Staat, manchmal zu Recht. Wer die Geschichte Israels verfolgt, stößt auf bewundernswerte Beispiele von Schläue. In 62 Jahren wurde aus dem rückschrittlichen Land der Holocaust-Überlebenden eine technologische Supermacht, die stärkste Militärmacht im Nahen Osten. Und das trotz andauernden Konflikts mit der arabischen Welt.

Die blutige Übernahme der "Hilfsflottille" im Mittelmeer und die palästinensische Reaktion mehren den Verdacht, dass Israels Staatsführung von jeder Klugheit verlassen wurde. Die Ereignisse waren ein vermeidbarer GAU. Vermeidbar, weil es klar war, dass es zu Gewalt kommen würde. Vermeidbar, weil klar war, dass Israel bei dieser Aktion die falsche Einheit einsetzte. Die Flottille 13 ist zum Töten und Versenken feindlicher Schiffe da, nicht, gewalttätige Zivilisten in ihre Gewalt zu bringen. Wer Soldaten ohne Schutzschilde, Tränengas und Schlagstöcke einzeln in eine wütende Menge schickt, darf sich nicht wundern, wenn die ihre Pistolen zücken. Und letztlich ließ sich dieser Zwischenfall vermeiden, weil die Blockade Gazas nicht nur unmoralisch, sondern völlig ineffektiv ist. Die Hamas rüstet weiter, und die Armut treibt die Menschen in ihre Arme.

Es ist eingetreten, was Israel vermeiden und die Hamas herbeiführen wollte. Völlig einerlei, dass die Aktivisten auf den Schiffen internationales Recht gebrochen, sich auf die Seite von Terroristen gestellt, ihr Gefolge wissentlich in Gefahr gebracht und selber Gewalt ausgeübt haben. Was zählt, sind die Schreckensbilder vom Deck der Marmara. Die Hamas hat mit fremdem Blut einen wertvollen Propagandasieg errungen, der dazu führen könnte, dass ein geächtetes und isoliertes Israel dazu gezwungen wird, die Blockade abzubrechen und die Islamisten einen Sieg feiern können. Jerusalem wird für seine Torheit einen Preis zahlen müssen.

Die Wurzeln des Übels liegen tiefer als im Einsatz im Mittelmeer. Das starke Israel hält die Palästinenser besetzt, verfällt aber zunehmend in eine selbstgefällige Opferrolle. Dies führt zu tieferer Isolation und weiterer Eskalation der Gewalt. Zweifellos tragen auch die Palästinenser eine Verantwortung dafür, dass bisher noch kein Friedensvertrag ausgehandelt werden konnte. Doch Israel muss erkennen, dass es mit einem Ende der Besatzung nicht den Palästinensern, sondern sich selber einen Gefallen tut, und einen Rückzug als ureigenstes Interesse verfolgen. Wenn die israelische Regierung nicht bald umdenkt, bringt sie ihren Staat in ernste Gefahr. Mit einem dummen, brutalen Regime will niemand wirklich verbündet sein. Wie die Israelis selber sagen: Torheit hat einen Preis.

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