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WAZ: Gefahr fürs Ehrenamt - Kommentar von Dietmar Seher

Essen (ots) - Millionen Jugendliche empfinden ihre Freizeit in Sportvereinen, Kirchengemeinden und organisierten Jugendtreffs als eine "zweite Familie". Und Millionen Eltern fühlen ihre Kinder dort gut aufgehoben. Man weiß, wo sie sind. Wissen sie auch, mit wem ihre Kinder da sind? Seit Missbrauch ein Thema ist, macht sich eine Atmosphäre des Misstrauens dort breit, wo Erwachsene junge Menschen betreuen und erziehen. Sexueller Zwang wird nicht nur unter Kirchendächern oder in Reform-Internaten vermutet. Er kann in staatlichen Schulen vorkommen, unter der Dusche nach dem Sport oder auf der Ferienfahrt kommunaler Träger. Weil er über Jahrzehnte gesellschaftlich nur halbherzig geächtet war, weiß keiner, wie weit eindeutige Straftatbestände tatsächlich verbreitet sind. Der Staat hat bei der Aufsicht versagt. Heute noch fehlt ihm das Gefühl dafür, wie der Schutzschirm aussehen muss: Seit Frühjahr sollen Lehrer und hauptamtliche Helfer in Vereinen bei der Einstellung zwar ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Gut so. So hätte es längst sein sollen. Aber Berlin will die Regel wohl auf Millionen Ehrenamtliche übertragen. Auch auf den Vater, der als Betreuer der Ferienfreizeit einspringen will. Bis er sein Papier besorgt hat, wird die Veranstaltung abgesagt sein. Solche Rigorosität würgt das Ehrenamt ab.

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