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WAZ: Der neue US-Präsident - Ein Ruhm auf Kredit. Leitartikel von Markus Günther

    Essen (ots) - Obamas Aufstieg und Wahlkampf - das war immer viel mehr eine Person als ein Programm. Er selbst war und ist die Botschaft. Seine Biografie spiegelt die moderne, mobile, multikulturelle Welt wider, sein sozialer Aufstieg illustriert in ganz neuer Form den alten amerikanischen Traum. Er predigt die Hoffnung und ist selbst ein Beispiel gelebter Hoffnung.

      Kann Obama den Erwartungen überhaupt gerecht werden? Das ist die
naheliegende Frage, nachdem er selbst die Erwartungen manchmal bis
ins Übermenschliche gesteigert und sich bisweilen bis ins
Messianische zu einem neuen Politikertypus stilisiert hat, der eine
bessere, gerechtere Welt für alle verspricht. Manche Enttäuschung ist
damit programmiert. Doch man wird ihn am Ende, der überladenen
Rhetorik zum Trotz, doch an Maßstäben des politisch Möglichen messen
müssen und nicht an übermenschlichen Erwartungen.

      In den Monaten zwischen Wahlsieg und Amtseinführung hat Obama die
ersten Schritte getan, die vielleicht erste Hinweise auf seinen
Politikstil geben. Auffallend ist vor allem das Bewusstsein der
eigenen Grenzen und Defizite. Die Republikaner (und vor ihnen auch
die parteiinternen Gegner Obamas) hatten ja durchaus recht: Mit so
wenig politischer Erfahrung wie Obama ist in den letzten 80 Jahren
niemand Präsident geworden. Doch Obama geht mit seinen
Erfahrungsdefiziten klug um: Er holt sich die besten Mitarbeiter, die
erfahrensten Ratgeber. Das Team, das er zusammengestellt hat, ist in
Kompetenz, Vielseitigkeit und Erfahrung eindrucksvoll.

      Die Regierung zusammenzustellen, war vergleichsweise leicht; sie
zu führen und die natürlichen Konflikte einer solchen Regierung
produktiv zu nutzen, ist die eigentliche Herausforderung. Obama
bleibt vorläufig, wenn man ehrlich ist, ein politischer Novize. Sein
maßloser Ruhm rund um die Welt ist immer noch ein Ruhm auf Kredit.
Seine größte Leistung ist bislang, dass er die große
gesellschaftliche Koalition aufgebaut hat, der er seinen Wahlsieg
verdankt. Er hat Millionen inspiriert und mitgerissen, er hat
gedankliche Blockaden aus dem Weg geräumt. Das alles ist großartig,
hat aber mit praktischer Politik nichts zu tun. Erst jetzt beginnt
das eigentliche politische Abenteuer, auf das Obama die USA und die
Welt eingeschworen hat.

      Obamas Wahlsieg war schon für sich genommen ein historischer
Durchbruch und Neuanfang. Doch erst der Erfolg seiner Präsidentschaft
wird darüber entscheiden, was dieser Durchbruch wirklich wert war.

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