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WAZ: Angst vor dem Pflegeheim - Der Gesellschaft einen Spiegel. Leitartikel von Stefan Schulte

    Essen (ots) - Roger Kusch hat einer alten Dame, die lieber sterben als ins Heim wollte, beim Suizid geholfen. Also diskutiert Deutschland über Kusch und Sterbehilfe. Doch in Wahrheit ist es das - für Kusch leider nebensächliche - Suizid-Motiv dieser Frau, das uns so aufwühlt. Sie fürchtete nicht Schmerzen, sondern ein qualvolles Leben im sozialen, nicht im körperlichen Sinne. Sie war der Überzeugung, dass ein würdiges Leben im Alter in deutschen Pflegeheimen nicht möglich ist. Hatte sie Recht?

      Roger Kusch hätte die Frage beantworten können, nein müssen. Er
hätte wissen müssen, dass es bei allen Missständen viele Häuser gibt,
deren Leiter und Pfleger sich liebevoll um ihre Bewohner kümmern. Und
dass es gerade für einsame, aber halbwegs rüstige Menschen wie
Bettina Schardt einer war, alternative Wohnformen gibt, die alles
andere als lebensfeindlich sind.

      Doch von der Ursachenforschung für ihre Horrorvision entbindet
uns das nicht. Und dabei sollten wir nicht Skandalfotos von wunden
Hinterteilen und ans Bett fixierten Greisen hochhalten, sondern einen
Spiegel. Wir haben die Großfamilie als archaisch beerdigt und uns für
ein getrenntes Leben von Jung und Alt entschieden. Viele der heute
mittleren Generation müssen sich gar nicht entscheiden, weil sie
keine Kinder haben. Also müssen zwangsläufig alte Menschen, die sich
nicht mehr versorgen können, von Fremden gepflegt werden. Die
Tragweite dieses gesellschaftlichen Wandels haben wir aber nicht
ansatzweise erkannt.

      Was der Gesellschaft ein würdiges Altern wert ist, sehen wir an
der Pflegeversicherung. Es ist eine Teilkasko-Versicherung, die nicht
einmal für das Nötigste ausreicht. Das, und nicht die
Menschenfeindlichkeit gieriger Heimbetreiber ist die Ursache für das,
was der Boulevard "Pflegeskandal" nennt. Es ist unser Skandal, und
deshalb verdrängen wir ihn. Und wie soll sich daran etwas ändern? Die
Betroffenen sind zu schwach, sich zu wehren. Unbeteiligte müssten die
Lobbyarbeit übernehmen. Doch die haben weder Lust, sich Gedanken
übers Altern zu machen, noch zahlen sie gern freiwillig höhere
Pflegebeiträge.

      Die Pflegereform hat kleine Verbesserungen auf den Weg gebracht.
Ein Grundproblem bleibt. Darüber, wie viel Geld die Kasse zahlt,
entscheidet ihr Medizinischer Dienst. Das ist, als ließe man
Arbeitgeber allein über Löhne entscheiden. Viele Schwerstkranke
werden zu niedrig eingestuft. Dieses Geld fehlt den Heimen. Dass sie
sich von demselben MDK dann ungern Missstände vorhalten lassen, ist
nicht verwunderlich.

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