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Lausitzer Rundschau: Zum Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler

Cottbus (ots) - Das ist vordergründig erst einmal eine Entscheidung wie aus dem politischen Kindergarten. Bundespräsident Horst Köhler begründet seinen Rücktritt damit, dass er sich zu hart für seine Äußerungen zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr kritisiert fühlt. Wenn Köhler tatsächlich so dünnhäutig und empfindlich sein sollte, dann hätte er sich auch nicht derart in die Tagespolitik einmischen dürfen, wie er es getan hat. Der Bundespräsident ist zwar erster Mann im Staate, aber er ist deshalb nicht unangreifbar. Großen Respekt, den Köhler ja vermisst, hat er für seinen Schritt nicht verdient. Wer so aus dem Amt geht, muss sich fragen lassen, ob er diesem überhaupt jemals gerecht werden konnte. Natürlich steckt aber hinter seinem Rückzug mehr als nur die Enttäuschung des Moments. Vor einem Jahr ließ sich der Moralist noch in seine zweite Amtszeit hinein wählen. Nicht erst heute muss man klar fragen: Wozu eigentlich? Welches Ziel hat Köhler verfolgt, welche Botschaften sollten von ihm ausgehen? Der Präsident selbst hat in dem einen Jahr keine Antworten auf diese zentralen Fragen gegeben. Stattdessen ist er der ewig Suchende gewesen - nach seiner eigenen Rolle, nach Anerkennung und Rückendeckung. Seine daraus resultierende Unsicherheit hat ihn angreifbar gemacht. Vielleicht lief deshalb auch die Bewältigung der Euro- und Wirtschaftskrise, die die Menschen so erheblich verunsichert, weitgehend an ihm vorbei. An Köhler wäre es jedoch gewesen, mit der Kraft des Wortes den Bürgern eine über den Parteien stehende Orientierung zu geben. Köhler konnte dies nicht leisten. Sicher, er war beliebt im Volk, gerade weil er als Präsident so unvollkommen gewesen ist. Im Kern ist Köhler scheu und verletzlich geblieben, das hat ihn so sympathisch gemacht und anders erscheinen lassen als die vielen aalglatten Berufspolitiker, die immer gleich zu allem eine Antwort, eine Verbalattacke parat haben. Köhler nimmt nun in Kauf, dass die vielen Menschen, die ihn gemocht und ihm vertraut haben, ratlos zurückbleiben. Und das in Zeiten, in denen das Land von einer Krise in die nächste taumelt. Das ist wahrlich kein feiner Zug des Mannes im Schloss Bellevue. Der Rücktritt steht allerdings auch für die große Krise der schwarz-gelben Koalition. Angela Merkel und Guido Westerwelle haben Köhler ins Amt gehoben, ihm die zweite Amtszeit ermöglicht und ihn dann in schwierigen Zeiten oftmals allein gelassen. Auch das dürfte den Mann in Bellevue zermürbt haben. Hilflos im Schloss - da hat Köhler die Reißleine gezogen. Aus seiner Sicht mag das verständlich sein, überzeugend ist das nicht.

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