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Weser-Kurier: Über Papst Franziskus schreibt Julius Müller-Meiningen im "Weser-Kurier" (Bremen) vom 22. April 2014:

Bremen (ots) - Die katholische Kirche hat an Ostern die Auferstehung Christi gefeiert. Papst Franziskus musste sich dieser Tage aber auch über die Wiederkehr alter Laster ärgern. Der ehemalige Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, der zweite Mann im Vatikan unter Benedikt XVI. und Protagonist verschiedener Kirchenskandale jüngerer Zeit, will demnächst sein 700-Quadratmeter-Loft im Vatikan beziehen, musste der Papst entsetzt erfahren. Franziskus lebt bekanntlich auf 40 Quadratmetern im spartanischen vatikanischen Gästehaus Santa Marta, direkt gegenüber dem neuen Luxusdomizil von Bertone. Der Papst hält Attitüden wie die des ehemaligen Kardinalstaatssekretärs für das Ende der von ihm seit mehr als einem Jahr geleiteten Institution. Wer Nächstenliebe predigt, kann nicht wie ein Renaissancefürst leben. Männer wie Bertone oder der geschasste Limburger Bischof Tebartz-van Elst, der Millionen für den neuen Bischofssitz in seiner Diözese verpulverte, schaden der Kirche. Denn sie muss an die Grenzen der menschlichen Existenz gehen, sich um die Schwächsten der Gesellschaft kümmern, so fordert es Franziskus. Vor Ostern ließ er Geld an mehr als Hundert Obdachlose in Rom verteilen. Man mag einwenden, es handelte sich dabei um symbolische Unterstützung angesichts des Leids überall in der Welt. Doch diese Gesten untermauern die Worte des Papstes, der mit traumwandlerischer Sicherheit die Prinzipien der Medienwelt beherrscht. Ist Franziskus deshalb oberflächlich, wie ihm vor allem seine Gegner im Vatikan vorwerfen? Macht der Papst mit seinem Vorsatz ernst, etwa auch die Vatikanbank von einem Geldwäsche-Institut zu einer wahrhaft karitativen Organisation umzuwandeln, kann er seine Kritiker Lügen strafen. Die Botschaft des Papstes, die an den Kern christlicher Ideale rührt, ist auch für Kirchenkritiker akzeptabel, die mit dem moralischen Zeigefinger aus Rom schon lange nichts mehr anfangen können. Franziskus legt den von zahlreichen Affären verdeckten Sinn christlicher Existenz wieder frei, auch wenn er sich in wichtigen Fragen wie Abtreibung oder Homo-Ehe nicht von den Hardlinern im Vatikan unterscheidet. Er hat jedoch erkannt, dass die Kirche mit der Betonung von Verboten nicht weiterkommt. Nur wenn die Kirche ihre Identität als Verteidigerin der Schwächsten wieder stärkt, kann sie erwarten, auch gesellschaftlich wieder mehr Einfluss zu bekommen.

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