Gesellschaft für bedrohte Völker e.V. (GfbV)
Kirchliche Würdigung Ratko Mladićs: Appell an deutsche Kirchen und Ökumenischen Rat der Kirchen
Ein Dokument
Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat die Deutsche Bischofskonferenz, den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in einem offenen Brief aufgefordert, deutlich auf die öffentliche Würdigung Ratko Mladićs durch die Serbisch-Orthodoxe Kirche zu reagieren.
Anlass ist die Beisetzung des wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen rechtskräftig verurteilten ehemaligen Militärführers am 7. September 2026 in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Die Trauerfeier wurde vom serbisch-orthodoxen Patriarchen Porfirije persönlich geleitet. In seiner Ansprache würdigte er Mladić als Soldaten und Kommandeur, der Verantwortung getragen und sich für die Freiheit, Verteidigung und das Überleben seines Volkes eingesetzt habe.
„Eine Kirche darf für jeden Verstorbenen beten. Etwas völlig anderes ist es jedoch, einen wegen Völkermordes und schwerster Kriegsverbrechen rechtskräftig verurteilten Mann öffentlich als verdienten Verteidiger seines Volkes zu würdigen“, erklären Burkhard Gauly, Bundesvorsitzender der GfbV, und Belma Zulčić, Direktorin der GfbV in Bosnien und Herzegowina.
Für die Überlebenden des Völkermordes in Srebrenica, die Opfer der jahrelangen Belagerung Sarajevos und Tausende weitere Betroffene des Krieges in Bosnien und Herzegowina ist eine solche kirchliche Ehrung besonders verletzend. Sie blende die individuelle Verantwortung Mladićs aus und trage dazu bei, ein nationalistisches Heldenbild zu verfestigen, betont die Menschenrechtsorganisation.
Die GfbV sieht zudem besorgniserregende Parallelen zur Rolle der Russisch-Orthodoxen Kirche im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die historischen und politischen Kontexte unterscheiden sich, doch in beiden Fällen zeige sich die Gefahr, dass kirchliche Autorität mit nationalistischen Narrativen verbunden und Völkermord, Krieg und Gewalt gerechtfertigt werde.
„Wenn Kirchen militärische Führer oder kriegerisches Handeln in nationale Opfer- und Heldenerzählungen einordnen und dabei die Opferperspektive in den Hintergrund tritt, wird Religion zum Instrument politischer und nationalistischer Legitimation“, warnen Gauly und Zulčić.
Die GfbV fordert insbesondere den Ökumenischen Rat der Kirchen auf, gegenüber der Serbisch-Orthodoxen Kirche dieselben grundlegenden Maßstäbe einzufordern, die auch im Zusammenhang mit der religiösen Rechtfertigung des russischen Krieges gegen die Ukraine formuliert wurden.
Die Serbisch-Orthodoxe Kirche müsse sich unmissverständlich zu den rechtskräftigen Urteilen der internationalen Strafgerichtsbarkeit bekennen, den Völkermord in Srebrenica anerkennen und sich klar gegen die Heroisierung verurteilter Kriegsverbrecher stellen.
„Versöhnung kann nicht auf dem Verschweigen von Verbrechen beruhen. Vergebung kann nicht ohne die Anerkennung von Schuld erfolgen. Christliches Gedenken darf nicht dazu führen, dass Täter geehrt werden, während das Leid der Opfer aus der Erinnerung verdrängt wird“, heißt es in dem gemeinsamen Schreiben der beiden GfbV-Sektionen.
Die GfbV appelliert an die Deutsche Bischofskonferenz, die Evangelische Kirche in Deutschland und den Ökumenischen Rat der Kirchen, die Äußerungen von Patriarch Porfirije in ihren ökumenischen Kontakten mit der Serbisch-Orthodoxen Kirche ausdrücklich zu thematisieren und den Opfern und Überlebenden in Bosnien und Herzegowina ein sichtbares Zeichen der Solidarität zu geben.
„Die fortgesetzte Heroisierung der Verantwortlichen für die Verbrechen der 1990er-Jahre bedroht den Frieden in Bosnien und Herzegowina und die Stabilität der gesamten Region. Frieden und Versöhnung setzen Wahrheit, die Anerkennung des Leids der Opfer und die Bereitschaft voraus, auch innerhalb der eigenen nationalen und religiösen Gemeinschaft Verantwortung zu benennen“, so Gauly und Zulčić.
Sie erreichen Belma Zulčić, Direktorin der GfbV in Bosnien und Herzegowina, unter gfbv_sa@bih.net.ba oder (+387) 61 220 883 oder (+387) 33 213 707.
Den offenen Brief finden Sie als PDF im Anhang dieser E-Mail.
Gesellschaft für bedrohte Völker Pressereferat Sarah Neumeyer Postfach 2024 D-37010 Göttingen Tel.: +49 551 499 06-21 Fax: +49 551 580 28 E-Mail: presse@gfbv.de www.gfbv.de Menschenrechtsorganisation mit beratendem Status bei den UN