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Der Tagesspiegel: Achtung: Sperrfrist bis Mittwoch, 2. März, 6 Uhr Ex-Justizministerin: Zuwanderungsgesetz muss auch Illegalen helfen

Berlin (ots)

Berlin. Die frühere Bundesjustizministerin Sabine
Leutheusser- Schnarrenberger (FDP) hat anlässlich des an diesem
Mittwoch vorgestellten Manifests "llegale Zuwanderung" der
Katholischen Kirche Verbesserungen für Migranten ohne
Aufenthaltserlaubnis gefordert. Dem Tagesspiegel sagte sie: "Wir
brauchen mehr Spielräume für die Berücksichtigung von Einzelfällen.
An erster Stelle stehen Hilfsbedürftige, also Kranke und Kinder. In
Notsituationen sollen Ärzte helfen dürfen, ohne sich strafbar zu
machen. Und es ist falsch, eine Schule dazu zu verpflichten, illegal
hier lebende Ausländerkinder zu melden". Leutheusser-Schnarrenberger
gehört zum Kreis der Erstunterzeichner des Manifests.
„Das Thema steckt unter einer Tabuglocke"
Ex-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über illegale
Migranten und die Scheu der Politik, sich mit ihnen zu befassen
Zwischen 500 000 und 1,5 Millionen Ausländer leben ohne
Aufenthaltsstatus in Deutschland. Muss man ihnen helfen? Sie sind
doch selbst gekommen?
Es geht nicht um Menschen, die hier im Untergrund leben, es geht
um unsere Nachbarn, um sehr menschliche Schicksale. Wir haben eine
moralische Verpflichtung, der man mit dem Hinweis, die Leute sollen
doch unser Land wieder verlassen, nicht gerecht werden kann.
Wie reisen die Illegalen ein?
Viele kommen legal, meist aus den osteuropäischen Ländern und der
Türkei, und werden dann illegal, weil sie hierbleiben und ihre
Aufenthaltspapiere ablaufen. Es gibt keine typischen Fälle. Es kann
genauso um Familiennachzug gehen wie um Menschenhandel.
Wovon leben diese Menschen?
Viele suchen sich Gelegenheitsjobs. Aber es ist nicht nur so, dass
sie unqualifizierte Arbeit verrichten. Aus meinem Wahlkreis weiß ich,
dass dort dringend Polsterer gesucht wurden, ein Handwerk, dass es in
Deutschland fast nicht mehr gibt. Der Unternehmer war verzweifelt,
weil er nicht wusste, wie er legal jemanden beschäftigen sollte.
Was ist mit dem Zuwanderungsgesetz?
Es kann nur in den seltensten Fällen Illegalen einen
Aufenthaltsstatus zuweisen. Gering Qualifizierte haben kaum eine
Chance, in Deutschland legal zu arbeiten, es sei denn, sie gehören zu
bevorzugten Gruppen wie Saisonarbeitern.
Viele Illegale werden hier kriminell - Tatsache oder Vorurteil?
Ein Vorurteil, soweit es Kriminalität abseits der
ausländerrechtlichen Verstöße betrifft. Das Bild, das die
Öffentlichkeit von Illegalen hat - Schleuser, Menschen- und
Drogenhändler - trifft die wahre Situation der Menschen nicht.
Über legale Zuwanderung wurde lange debattiert? Warum nicht über
illegale?
Der Begriff Illegalität löst schon eine Scheu quer durch die
Parteien aus. Illegale, denken viele, sind ein Problem von Polizei
und Ausländerbehörde. Illegalität ist etwas Kriminelles, und wer über
mögliche Legalisierungen redet, setzt sich dem Verdacht aus,
unkritisch zu sein. Das Thema steckt unter einer Tabuglocke.
Wollen Sie denn Illegale legalisieren?
Nein. So pauschal fordert das niemand, der sich damit befasst. Wir
brauchen mehr Spielräume für die Berücksichtigung von Einzelfällen.
An erster Stelle stehen Hilfsbedürftige, also Kranke und Kinder. In
Notsituationen sollen Ärzte helfen dürfen, ohne sich strafbar zu
machen. Und es ist falsch, eine Schule dazu zu verpflichten, illegal
hier lebende Ausländerkinder zu melden.
Was geschieht in anderen Fällen?
Man muss ausloten, was die Härtefallkommissionen nach dem neuen
Zuwanderungsgesetz leisten können. Nicht jeder Illegale ist ein
Härtefall, aber die Behörden müssen differenzierter vorgehen können
als bisher. Wir brauchen auch vernünftige Regelungen für so genannte
Altfälle. Man sollte nicht warten, bis die Aufenthaltsgenehmigung für
einen Bürgerkriegsflüchtling abläuft, sondern eine Regelung finden,
mit der er bleiben kann, etwa wenn seine Familie sonst zerrissen
wird.
Sind die Illegalen nicht eher ein Thema für die EU als für den
Bundestag?
Natürlich. Mit Reisefreiheit und einer EU-einheitlichen
Visapolitik sind die Steuerungsmittel des Nationalstaats schnell
erschöpft. Aber mir scheint es so, dass die EU sich vor allem
abschotten will - und das bei ständig sinkenden Zahlen derer, die
nach Europa wollen.
Inhaltliche Fragrn richten Sie bitte an den Tagesspiegel, Ressort
Politik, Tel.    (030) 260 09-429, Fax    (030) 260 09-416
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Rückfragen bitte an:

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Thomas Wurster
Chef vom Dienst
Telefon: 030-260 09-419
Fax: 030-260 09-622
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