Die Mathematik – Eine Hassliebe?
Wir alle denken ab und zu sicher gern an unsere eigene Schulzeit zurück. Die langen Sommerferien, die erste Liebe und natürlich liebgewonnene Freunde und inspirierende Lehrkräfte. So ziemlich jeder von uns hatte eines oder mehrere Lieblingsfächer. Manchmal war es der Sport- oder der Musikunterricht, der unser wöchentliches Highlight darstellte. Andere bevorzugten Fremdsprachen oder sozialwissenschaftliche Fächer. So weit, so unterschiedlich die Präferenzen.
Bei der Benennung des Albtraumfaches dagegen herrschte eine starke, mehrheitliche Tendenz: Mathematik. Mit der Zeit haben viele von uns gewisse Glaubenssätze verinnerlicht und bis heute nicht mehr abgelegt:
- „Mathe ist nichts für mich.“
- „Entweder man kann es oder man kann es eben nicht.“
- „Wofür brauche ich das später?“
- „Meine Eltern waren auch schlecht in Mathe. Das habe ich geerbt.“
Doch warum ist das eigentlich so? Oft heißt es, Mathematik sei zu abstrakt, zu fern vom echten Leben oder schlicht zu schwierig. Leider spiegelt sich dies auch in wissenschaftlichen Befunden wider, wie ich jüngst beim Lesen eines ZEIT-Artikels (DIE ZEIT Nr. 53, 11. Dezember 2025, S. 30) feststellen musste. Demnach erreicht jedes vierte Grundschulkind nicht einmal die Mindestanforderungen in Mathematik. An den weiterführenden Schulen verschärft sich der Negativtrend, hier erfüllt etwa jeder Dritte nicht den nötigen Mindeststandard. Nur 36 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von 10-16 Jahren gaben an, dass Ihnen der Unterricht gefalle. Hinzu kommt der Umstand, dass Lerninhalte innerhalb der Mathematik häufig aufeinander aufbauen. Jeder Wissensrückstand bedroht den weiteren Lernerfolg. Ein Teufelskreis. Wenig verwunderlich ist in diesem Zusammenhang das Ergebnis einer Umfrage der Telekom-Stiftung: nicht einmal 30 Prozent der Schülerschaft sehen sich perspektivisch in einem Beruf, in dem Mathematik eine zentrale Bedeutung hat. Demgegenüber steht der Bedarf an gut ausbildeten Menschen in technischen Berufen. Sowohl innerhalb des akademischen Spektrums als auch hinsichtlich dualer Ausbildungen entscheiden sich zu wenige junge Menschen für einen Berufszweig im Feld der sogenannten MINT-Fächer.
Steht uns also endgültig der Untergang der deutschen Forscher- und Ingenieursnation bevor?
Wie ließe sich die Begeisterung für die Mathematik wieder entfachen?
Zunächst ist festzuhalten, dass die Meinungsbildung zum Fach Mathematik stark familiär geprägt ist. Wer selbst negative Erfahrungen erlebt hat, dem fällt es ungleich schwerer, seinen eigenen Kinder Neugier und Rechenfreude zu vermitteln. Des Weiteren hängen die schulischen Leistungen stark von der jeweiligen Unterrichtsqualität ab. Begegnet die Lehrkraft den Schülern mit Geduld und Verständnis? Erklärt sie logische Zusammenhänge anschaulich?
Doch es wäre zu einfach, mathematisches Desinteresse ausschließlich auf den familiären oder schulischen Hintergrund zu reduzieren. Grundsätzlich sind wir geborene Lerner und besitzen eine natürliche Neugierde und den Drang, die uns umgebende Umwelt zu begreifen. Neugeborene erkunden aus eigener Motivation heraus ihre Umgebung und stoßen dabei unbewusst auf mathematisches Wissen. Besonders gern werden zunächst große Mengen gleichen Materials erforscht. Bereits in den ersten Lebensmonaten entwickeln sich erste Mengenvorstellungen.
Umso bedeutender für den späteren Lebenserfolg ist, einmal mehr, die frühkindliche Bildung. Wird mathematisches Grundwissen bereits in der Kindheit aufgebaut, steigen die Chancen auf soliden, mathematischen Kompetenzerwerb im späteren Leben erheblich. Gemeint ist damit nicht das Lösen konkreter Rechenaufgaben. Ziel ist es vielmehr, die Umwelt aktiv zu nutzen und Kinder spielerisch an mathematische Phänomene heranzuführen. Stufenzählen beim Treppensteigen ist ebenso förderlich wie das Spielen mit Holzklötzen (wer kann höher bauen?). Die Grundformen Dreieck, Viereck und Kreis finden sich häufig in handelsüblichen Spielmaterialien. Zahlen können im Alltag entdeckt werden, z.B. an Haustüren, Nummernschildern oder beim Einkauf. So erkennen junge Lerner implizit, dass Zahlen und Mengen eine hohe Alltagsbedeutung haben.
Mein eigener Bezug zur Mathematik war ein sehr wechselhafter. In der Grundschule war sie tatsächlich mein Lieblingsfach. Ich schaffte es sogar zu einigen Olympiaden und kann mich noch gut daran erinnern, bei meinem allerersten Fehler bitterlich geweint zu haben. So sehr war ich von Ehrgeiz und dem Spaß am Rechnen getrieben. Der Wendepunkt kam dann etwa in der achten Klasse. Statt Einsen und Zweien häuften sich dann Dreien auf dem Zeugnis. Ich hatte das Gefühl, ein wenig den Anschluss verloren zu haben. Durch das Matheabitur habe ich mich dann mehr oder weniger gequält.
Heutzutage habe ich meinen Frieden mit der Mathematik geschlossen. Nicht zuletzt aufgrund der Veröffentlichung der von mir verfassten und von Illustratorin Marie Reimann gezeichneten Kinderbücher rund um die „Kleine Eins“. Lernt die namensgebende Eins im Erstling zunächst die anderen Zahlen samt ihren Besonderheiten kennen, erleben die Zahlenfreude in den folgenden Erzählungen allerlei gemeinsame Abenteuer. Manchmal dreht sich alles um das erste Rechnen im Zahlenraum bis 10, bis die Geschichten schließlich an das Vergleichen konkreter Mengen heranführen.
Im Rahmen von Lesungen stelle ich die verschiedenen Bücher gern in Kitas und Grundschulen vor und bin immer wieder begeistert, wie viele Ideen jungen Zuhörer haben. Sie stellen eigene Hypothesen auf und stellen aktiv Nachfragen. Ich nehme Begeisterung und Spaß am Rechnen wahr. Dies zeigt mir, dass die Mathematik nicht für alle Zeiten dazu verdammt ist, gehasst zu werden. Es gilt, das Interesse bereits in der frühen Kindheit zu wecken und zielgerichtet zu fördern, ohne Leistungsdruck zu erzeugen.
Der grundlegende mathematische Wissenskanon mag sich im Laufe der Jahrzehnte kaum verändert haben. Was wir dagegen ändern können, ist unsere eigene Einstellung dazu. Nicht zuletzt im Interesse unserer Kinder, von denen wir in dieser Hinsicht noch einiges lernen können.
Haben Sie Lust mit mir darüber in einen Diskurs treten? Kontaktieren Sie uns einfach, gerne auch mich direkt unter
Herzlichst
Ihr Felix Walk
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