Ein Werkzeugkasten für die Energiewende in Nigeria
Pressemitteilung der Hochschule Bremerhaven vom 31. Juli 2026
Ein Werkzeugkasten für die Energiewende in Nigeria
Absolvent Andrew Adesanmi Adewunmi entwickelt Leitfaden für Windenergie
Rund 40 Prozent der Bevölkerung in Nigeria haben nur eingeschränkten oder keinen Zugang zu verlässlicher elektrischer Energie. Dies hat gravierende Folgen für Bildung, Gesundheit, Wirtschaft und Lebensqualität. Mit der Frage, wie man die Menschen zuverlässig mit sauberer Energie ersorgen kann, hat sich Andrew Adesanmi Adewunmi in seiner Masterarbeit beschäftigt. Entstanden sind ein Geoinformationssystem und ein Planungsleitfaden für Nigeria, von denen das Land profitieren könnte. Ab Oktober setzt der Absolvent seine Forschung im Rahmen einer Promotion fort.
In Nigeria gehören Stromausfälle zum Alltag für Millionen von Menschen, obwohl das Energiepotenzial des Landes eigentlich enorm ist. Speziell der Norden verfügt beispielsweise über gute Windbedingungen, mit denen viele Haushalte und Unternehmen mit erneuerbarer Energie versorgt werden könnten. Der Bremerhavener Absolvent Andrew Adesanmi Adewunmi stammt aus Nigeria und hat die Frage, wie das Land diese Ressource nutzen kann, zum Thema seiner Masterarbeit im Studiengang Process Engineering and Energy Technology (PEET) gemacht. „Während meines Studiums an der Hochschule Bremerhaven habe ich mich zunehmend für die deutsche Energiewende und die Integration erneuerbarer Energien in das Energiesystem interessiert. Dabei stellte ich mir die Frage, ob ähnliche Konzepte und Planungsansätze auch dazu beitragen könnten, die Energiesituation in meinem Heimatland zu verbessern. Die Möglichkeit, mein ingenieurwissenschaftliches Wissen mit praktischen Lösungen für die Energieprobleme Nigerias zu verbinden, war letztlich die Motivation für meine Forschung“, erklärt er. Das übergeordnete Ziel seiner Arbeit bestand darin, praktische Werkzeuge und Handlungsempfehlungen bereitzustellen, die den nachhaltigen Ausbau erneuerbarer Energien in Nigeria unterstützen.
Analyse von Windenergiepotenzial bringt neue Erkenntnisse
Um konkrete Bausteine für die Energiewende entwickeln zu können, führte Andrew Adesanmi Adewunmi zunächst eine umfassende Literaturrecherche zum nigerianischen Energiesektor, zu den politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen sowie zu internationalen Erfahrungen im Bereich der Windenergie durch. Anschließend nutzte er öffentlich zugängliche Daten für Geographische Informationssysteme (GIS), um das Windenergiepotenzial und geeignete Standorte für Windparks in Nigeria zu analysieren. „Ein Geographisches Informationssystem kann man sich als eine digitale Karte vorstellen, die viele verschiedene Informationen miteinander verbindet. Ähnlich wie eine Navigations-App kombiniert das System Daten zu Windverhältnissen, Straßen, Siedlungen, Stromleitungen, Schutzgebieten und Geländeeigenschaften. Durch die Überlagerung dieser Informationen können Gebiete identifiziert werden, die für den Bau von Windparks geeignet oder ungeeignet sind. Das GIS unterstützt somit Planer:innen sowie politische Entscheidungsträger:innen dabei, fundierte Entscheidungen zu treffen, bevor hohe Investitionen getätigt werden“, erklärt er. Außerdem führte er technische und wirtschaftliche Analysen am Beispiel des Windparks Lambar Rimi im Bundesstaat Katsina durch. Dies ist der bislang einzige netzgekoppelte Windpark Nigerias. Ziel war es, die Machbarkeit zukünftiger Windenergieprojekte zu bewerten.
Mit seiner Forschung konnte Andrew Adesanmi Adewunmi zeigen, dass Nigeria über ein deutlich größeres Windenergiepotenzial verfügt, als allgemein angenommen wird. Insbesondere die nördlichen Bundesstaaten wie Katsina und Sokoto weisen seiner Analyse zufolge sehr gute Windbedingungen auf und könnten die Entwicklung größerer Windenergieprojekte ermöglichen. Er konnte nachweisen, dass ein Beispielprojekt mit einer Leistung von 170 Megawatt wirtschaftlich tragfähig wäre und einen wichtigen Beitrag zur Stromversorgung leisten könnte. Diese große Diskrepanz zwischen dem vorhandenen Potenzial und dem tatsächlichen Entwicklungsstand der erneuerbaren Energien in Nigeria habe ihn überrascht. Gleichzeitig zeigte die Forschung, dass weiterhin erhebliche Herausforderungen bestehen. Dazu gehören unter anderem eine schwache Netzinfrastruktur, Finanzierungsprobleme sowie das Fehlen umfassender Planungsinstrumente und klarer regulatorischer Rahmenbedingungen. „Das Land verfügt über hervorragende natürliche Voraussetzungen und ehrgeizige Energieziele, die praktische Umsetzung ist jedoch bislang noch begrenzt“, sagt der Absolvent.
Bewährte Abläufe in Deutschland auf Nigeria übertragbar
Neben dem GIS hat Andrew Adesanmi Adewunmi einen Praxisleitfaden entwickelt, der einen strukturierten Rahmen für zukünftige Windenergieprojekte in Nigeria bieten soll. Grundlage dafür sind unter anderem auch erfolgreiche Konzepte aus Deutschland: Bürgerwindparks. Dabei investieren Privatpersonen gemeinsam in Windenergieanlagen und verbrauchen den produzierten Strom in ihren Haushalten. Bei manchen dieser Windparks wird die Energie auch verkauft. Der Gewinn fließt dann an die Mitglieder. Dieses Konzept habe Adesanmi Adewunmi beeindruckt: „Die deutsche Erfahrung mit Bürgerwindparks und Modellen der Bürgerbeteiligung könnten wertvolle Impulse für die zukünftige Entwicklung erneuerbarer Energien in Nigeria liefern.“ Sein Leitfaden beschreibt, welche Daten bei Windenergieprojekten berücksichtigt werden sollten, wie potenzielle Standorte bewertet werden können, welche technischen und ökologischen Kriterien relevant sind und wie erfolgreiche Konzepte aus Deutschland an die nigerianischen Rahmenbedingungen angepasst werden könnten. Zusammen mit dem GIS ergebe dies einen Werkzeugkasten für die Energiewende, der erstmals eine strukturierte Grundlage schaffe, um Windenergieprojekte im Land schneller, transparenter und effizienter umzusetzen.
Entstanden ist die Arbeit in enger Zusammenarbeit Prof. Dr. Eng. Olalekan Awolola, der als Professor in Nigeria tätig ist und mit seiner Expertise unterstützen konnte. Zusätzlich seien die Studien- und Forschungsbedingungen an der Hochschule Bremerhaven hervorragend. „Mein besonderer Dank gilt meinem Betreuer, Herrn Prof. Dr.-Ing. Carsten Fichter, dessen fachliche Unterstützung, wertvolle Anregungen und kontinuierliche Motivation diese Arbeit maßgeblich geprägt haben. Die Unterstützung der Hochschule und meiner Betreuer hat wesentlich dazu beigetragen, wissenschaftliche Forschung mit praktischen Lösungsansätzen für die Energieherausforderungen meines Heimatlandes zu verbinden“, sagt Andrew Adesanmi Adewunmi, dessen Forschungsaktivität nicht mit dem Masterabschluss endet. Ab Oktober setzt er seine Forschung im Rahmen einer Promotion fort. Dabei erweitert er seine Arbeit um Hybridkraftwerke, die Windenergie, Photovoltaik, Wasserkraft, Batteriespeicher und Wasserstoff kombinieren. Ziel ist es, dezentrale Regionen zuverlässig und klimafreundlich zu elektrifizieren.
Mit Begeisterung studieren, lehren und forschen – dafür steht die Hochschule Bremerhaven. In mehr als 20 praxisnahen und innovativen Studiengängen profitieren die rund 3.000 Studierenden von der engen Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft und modernen Lehr- und Lernansätzen. Die zahlreichen Forschungsaktivitäten der „Hochschule am Meer“ wurden bereits vielfach ausgezeichnet und unterstützen nachhaltige Entwicklungen in der Region und darüber hinaus.
Pressekontakt: Hochschule Bremerhaven Nadine Metzler An der Karlstadt 8 27568 Bremerhaven nmetzler@hs-bremerhaven.de presse@hs-bremerhaven.de