Haus der Pressefreiheit

Journalisten müssen runter von ihrem Sockel

Hamburg (ots) - Hamburgs Kultursenator Dr. Carsten Brosda vermisst bei Medienkonzernen eine vernünftige Kultur von Forschung und Entwicklung / Diskussionsveranstaltung vom "Haus der Pressefreiheit" im G+J Auditorium / STERN-Herausgeber Andreas Petzold sieht bemerkenswerten Autoritätsverlust der journalistischen Medien gegenüber dem Internet

Hamburg, 5. September 2017 - Um dem Vorwurf der Lügenpresse wirkungsvoller zu begegnen, sollten sich Journalisten runter von ihrem Sockel begeben und sich stärker dem Alltagsleben der Leser in anderen sozialen Schichten als des eigenen privaten Umfelds widmen. Das hat jetzt eine vom "Haus der Pressefreiheit" (www.hausderpressefreiheit.de) und dem VDZ Nord gemeinsam veranstaltete Podiumsdiskussion in Hamburg ergeben. Zum Einstieg hatte Prof. Dr. Horst Pöttker von der Universität Hamburg und Kuratoriumsmitglied beim "Haus der Pressefreiheit" zehn Thesen zur aktuellen Situation der Medien und ihren Mitarbeitern vorgestellt, wie der Vorwurf der "Lügenpresse" nachhaltig entkräftet werden kann.

In diesem Zusammenhang wies Pöttker darauf hin, dass der deutsche Journalismus vom amerikanischen vor allem eines lernen könne: Den öffentlichen Umgang mit Fehlern. Bei Journalisten, die für aktuelle Medien arbeiteten, seien gelegentliche Irrtümer unvermeidlich, die aber dem Publikum nicht vorenthalten werden dürften. In den USA, wo das Prinzip der Öffentlichkeit kulturhistorisch besonders tief verwurzelt ist, seien Korrekturspalten und -plätze in den Medien eine Selbstverständlichkeit. Weiterhin sei der US-Journalismus ein Vorbild für die Selbstverständlichkeit journalistischer Berufsbildung durch öffentliche Einrichtungen. In den Vereinigten Staaten habe die Hälfte der Journalisten das auf ihren Beruf zugeschnittene Fach Journalistik studiert, in Deutschland sei dieser Anteil noch zu gering.

Zum Wandel des Journalismus in der digitalen Medienwelt gehört für Pöttker auch das Verblassen des Nachrichten-Paradigmas. Die Funktion, dem Publikum Neuigkeiten zu vermitteln, gehe zurück, weil knappe faktische Mitteilungen über jüngste Ereignisse ("news") nicht mehr nur von journalistischen Medien geliefert werden, sondern von den Urhebern der Ereignisse, die sich dabei journalistischer Darstellungstechniken bedienen, selbst produziert und im Netz verbreitet werden.

Für Hamburgs Kultursenator Dr. Carsten Brosda beginnen die Probleme des Journalismus bereits beim Recruiting von Nachwuchsjournalisten. Er vermisse im Vergleich mit anderen Branchen "bei Medienkonzernen eine vernünftige Kultur von Forschung und Entwicklung". Für STERN-Herausgeber Andreas Petzold ist für die Zukunft des Journalismus "die parallele Vermittlung von Fach- und Vermittlungskompetenz existenziell", denn der Autoritätsverlust der journalistischen Medien gegenüber dem Internet sei bemerkenswert. Zunehmend könne man beobachten, wie im Medienumfeld "Wahrheit durch Ideologie ersetzt" würde. Zeitverlag-Geschäftsführer Dr. Rainer Esser empfiehlt Redaktionen mehr direkte Nähe und einen intensiveren Dialog mit ihren Lesern. Damit habe DIE ZEIT großen Erfolg.

Neben Prof. Dr. Pöttker nahmen im G+J Auditorium Marcus Bornheim, Zweiter Chefredakteur von ARD Aktuell, Dr. Carsten Brosda, Senator der Behörde für Kultur und Medien Hamburg, Dr. Rainer Esser, Geschäftsführer Zeitverlag, Andreas Petzold, Herausgeber STERN, und Verleger Peter Strahlendorf, Verleger Presse Fachverlag an der Diskussion teil. Michael Seufert, Vorstandsmitglied Haus der Pressefreiheit, moderierte den Diskurs.

Die zehn Thesen von Prof. Dr. Pöttker:

1. Die notwendige Zurückweisung des politischen Kampfbegriffs "Lügenpresse" darf den Journalismus nicht davon abhalten, seinen aktuellen Problemen ins Auge zu sehen.

2. Infolge des digitalen Medienumbruch steckt der Journalistenberuf wegen des Schwunds der Werbeeinnahmen in einer bedrohlichen wirtschaftlichen Krise, die auch die gesellschaftliche Selbstregulierung durch Öffentlichkeit gefährdet.

3. Die Krise mit ihrer ökonomischen Enge gefährdet gründliche Recherche, Respekt vor der Privatsphäre und andere Elemente journalistischer Professionalität.

4. Der Ausweitung unprofessioneller Stammtisch-Kommunikation in die Öffentlichkeit ist durch Kontrolle digitaler Plattformen zu begegnen - und durch Reformen im Journalismus und Bildungssystem, die die Erkennbarkeit verlässlicher Information sichern.

5. Guter Lokaljournalismus kann am längsten ein Alleinstellungsmerkmal des Informationsberufs bleiben und durch seine Attraktivität für das Publikum helfen, Wege aus der Krise zu finden.

6. Um das Vertrauen des Publikums (zurück) zu gewinnen und Missverständnissen vorzubeugen, müssen Journalisten mit unvermeidlichen Fehlern öffentlicher umgehen - kontinuierliche Korrekturspalten und Ombudsleute bieten sich an.

7. Gegen die Entprofessionalisierung im Journalismus hilft öffentliche Berufsbildung, die Medien und Staat gemeinsam fördern sollten - auch, um die soziale Geschlossenheit der Branche zu lockern.

8. In der digitalen Medienwelt steht ein notwendiger Paradigmenwechsel vom Nachrichtenjournalismus zum orientierenden Journalismus bevor und hat bereits begonnen.

9. Das absehbare Ende der Querfinanzierung des Journalismus durch Werbeeinnahmen bietet langfristig die Chance für Qualitätssteigerungen.

10. Der unbeteiligte Beobachter hat ausgedient - Journalismus als Beruf muss sich fundamental verändern und das Publikum konkret über sich selbst informieren.

Pressekontakt:

Joachim Haack
c/o PubliKom, Tel. 040/39 92 72-0
E-Mail: jhaack@publikom.com

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