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Schwäbische Zeitung: "Das Gespür der Kanzlerin" - Leitartikel zu Angela Merkel und Griechenland

Ravensburg (ots) - Zwei Merkmale zeichnen Angela Merkels Politikstil aus: Unaufgeregtheit und - daraus resultierend - Zuversicht. Die Bundeskanzlerin verbreitet für gewöhnlich die Aura des "Alles wird gut", auch wenn sie innerlich vielleicht kochen mag, weil die erklärte Verlässlichkeit ihrer eigenen Politik nicht immer erwidert wird. Wenn die 60-Jährige nun aber bekannt gibt, sie verspüre wenig Zuversicht, dass die Griechen den Bankrott würden verhindern können, dann ist das alarmierend.

Die Erinnerung an 1953, als Westdeutschland die Hälfte der - meist kriegsbedingten Schulden - erlassen bekam, ist sicher heilsam für manchen Deutschen, der heute energisch fordert, die Griechen endlich aus dem Euro rauszuschmeißen. Es fällt in der Hitzigkeit dieser Tage immer schwerer, zwischen "den Griechen" und jenen, die sie repräsentieren, zu unterscheiden.

Ministerpräsident Alexis Tsipras hat mit seiner leidenschaftlichen Rede vor dem EU-Parlament in Straßburg vielleicht daheim Applaus geerntet. Aber wer mit klassenkämpferischer Rhetorik und in weinerlicher Selbstgerechtigkeit darauf verweist, dass die griechische Misere nicht von ihm, sondern von seinen Vorgängern zu verantworten sei, offenbart ein staatsmännisches Selbstverständnis, wie man es für einen griechischen Demokraten nicht vermutet hätte. Die Bundeskanzlerin weiß, dass es hier und in den nächsten Tagen bis zum EU-Gipfel am Sonntag nicht um Alexis Tsipras geht. Sondern es geht natürlich um Griechenland. Aber es geht eben auch um Angela Merkel.

Deren Gespür für das, was die Menschen wollen, basiert auf den zahlreichen Meinungsumfragen, die sie und ihr Stab ausführlich zu konsultieren pflegen. Aber das feine Gefühl für das im Moment Machbare speist sich auch aus den Rückmeldungen, die sie aus der CDU/CSU-Fraktion bekommt. Selbst wenn die CDU-Vorsitzende also bereit wäre, Griechenland jetzt noch eine letzte und eine allerletzte Chance zu gewähren, wird Merkel das kaum tun, wenn sie damit ihre eigene Position riskieren würde.

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