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Schwäbische Zeitung: Stellt Euch vor, es wäre Krieg - Leitartikel

Ravensburg (ots) - In Deutschland und in Frankreich werden Gedenkfeierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs vorbereitet. Aber nicht nur dort, sondern auch in Russland und in Großbritannien wird man dieses Ereignisses gedenken, das Europa bis heute prägt. Und während wir also gedenken und erinnern, während sich gleichzeitig ein strahlender, grüner Sommer mit viel Fußball ankündigt, braut sich an der ukrainisch-russischen Grenze etwas zusammen. Der verletzte Stolz rückwärtsgewandter Russen trifft auf den Aufbruchswillen der Ukrainer, ziellose westeuropäische Politik kollidiert mit testosterongetriebenem russischem Imperialgehabe.

Es könnte Krieg geben. Mitten in Europa, 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, einen Krieg an den Außengrenzen der EU und der Nato. Der russische Präsident Wladimir Putin hat bisher noch alle Befürchtungen übertroffen. Glücklicherweise hat er im Westen außer rechtspopulistischer Parteien, der deutschen Linken sowie Altkanzler Gerhard Schröder kaum noch Anhänger. Da er seit der Krim-Krise immer mehr zumutet als wir eigentlich zu akzeptieren bereit wären, sein Handeln aber keine Konsequenzen nach sich zieht, sollten wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass einem Putin vor solch einem Krieg womöglich nicht besonders bange ist.

Dies wird kein Dritter Weltkrieg vielleicht, wie die Führung in Kiew dramatisch erklärt. Aber ein Besatzungskrieg mit massiven Folgen für Westeuropa. Der bejubelte Aufschwung in Deutschland wäre schnell dahin. Finanzminister Wolfgang Schäuble warnt seit Wochen schon vor den Auswirkungen für die deutsche Wirtschaft. Die EU und damit auch Deutschland werden die beachtlichen Nebenkosten eines solchen Krieges tragen müssen, etwa die Versorgung von Flüchtlingen, die humanitäre Hilfe in Kriegsgebieten, die budgetäre Unterstützung für eine geschwächte Regierung in Kiew.

Bis vor ein paar Monaten schien nur schon die Vorstellung von einem Krieg in Europa abstrus. Heute ist solch ein Krieg bedrückend nah.

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