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Schwäbische Zeitung: Gaucks Demokratie

Ravensburg (ots) - Der Bundespräsident wirbt in der Schweiz einerseits für Europa: Es gebe kein Land auf dem Kontinent, das europäischer sei, sagt Joachim Gauck. Den Buben Gauck hat einst in der DDR die Geschichte des freiheitsliebenden Tell beeindruckt. Wenn man bedenke, dass Konfessionen und Ethnien in der Schweizer Konföderation geeinigt worden seien, als anderswo in Europa noch Krieg herrschte, habe dieses Land doch vorweg genommen, was die EU sich später habe erkämpfen müssen, erklärt der Bundespräsident. Aber Gauck erweist andererseits auch seinem eigenen Land einen Dienst, wenn er in diesen populistischen Zeiten die repräsentative Demokratie lobt, wie sie in der Bundesrepublik Deutschland gelebt wird.

Die direkte Demokratie, wie sie die Schweizer nicht immer zum Vergnügen ihrer Berner Regierung und der europäischen Nachbarn praktizieren, respektiert er und misstraut ihr zugleich. Gauck macht in der Schweiz seinen eigenen Wandel deutlich: Als vor 25 Jahren der gerade von der kommunistischen Diktatur befreite Ostdeutsche in die Politik ging, galt ihm die direkte Demokratie nach Schweizer Façon als Königsweg. Das hat sich grundlegend geändert, wenn der Bundespräsident berichtet, in ihm hätten die Realo-Gene überhandgenommen.

Schon im Vorfeld seines vorgezogenen Besuchs bei dem speziellen Nachbarn Schweiz hatte Gauck sich darum gegen die Vermutung gewehrt, auch in Deutschland wäre ein Referendum über den Zuzug von Fremden ähnlich negativ ausgefallen wie in der Schweiz.

Deutschland habe sich derart gewandelt, dass es eine Freude sei, dort zu leben, sagt er seinen Schweizer Gesprächspartnern. Dass die Väter des Grundgesetzes nach dem Schrecken der Naziherrschaft dem deutschen Volk keine direktdemokratische Mitbestimmung an die Hand geben wollten, sei aber schon richtig gewesen.

Joachim Gauck traut seinen deutschen Landsleuten heute durchaus etwas zu. Auch ohne, dass sie darum allzeit abstimmen müssten.

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