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Nur jeder neunte Kinderarzt kommt noch nach Hause
Spitzenverband der Krankenkassen kritisiert, dass Ärzte Hausbesuche ablehnen
"Report Mainz", heute, 20. Juni 2017, 21:45 Uhr im Ersten

Mainz (ots) - Kaum noch ein Kinderarzt macht regelmäßig Hausbesuche bei seinen Patienten. Das ist das Ergebnis einer bundesweiten Umfrage von "Report Mainz" unter 700 Kinderärzten. 130 haben anonym geantwortet. 80 Prozent von ihnen geben an, sie hätten keine Zeit dafür. Viele unterstellen den Eltern, dass die sich vor allem durch einen Hausbesuch die Wartezeit ersparen wollen. Und ein Drittel erklärt, Hausbesuche seien zu schlecht bezahlt.

Kinderärzte sind laut Bundesmantelvertrag zwischen Kassenärztlicher Bundesvereinigung und den Krankenkassen grundsätzlich zu Hausbesuchen verpflichtet. Darin heißt es: Patienten haben einen "Anspruch auf Besuchsbehandlung", wenn ihnen ein Praxisbesuch "wegen Krankheit nicht möglich" oder "nicht zumutbar" ist. Dennoch ist in den vergangenen 20 Jahren bundesweit die Zahl der Hausbesuche drastisch gesunken. Die Zahl halbierte sich auf rund 30 Millionen.

Der Sprecher des Spitzenverbandes-Krankenkassen GKV, Florian Lanz, fordert angesichts der "Report Mainz"-Recherchen die Kassenärztlichen Vereinigungen zu Sanktionen gegen Ärzte auf, die keine Hausbesuche machen. "Die Kassenärztlichen Vereinigungen sind diejenigen, die die Ärzte sanktionieren müssten, aber natürlich machen sie es sehr ungerne," erklärt er im Interview mit "Report Mainz". Dem Argument von Ärzten, Hausbesuche seien zu schlecht bezahlt, widerspricht Florian Lanz: "Niedergelassene Kinderärzte in Deutschland werden wirklich gut bezahlt. Sie liegen bei 150.000 - 160.000 Euro Bruttoeinkommen im Jahr." Da könne man nicht grundsätzlich von schlecht bezahlt reden.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung lässt die Fragen von "Report Mainz" unbeantwortet, erklärt nur allgemein: "Hausbesuche werden durchgeführt, wenn es dafür eine medizinische Begründung gibt." Doch auch medizinisch notwendige Haubesuche werden offenbar oft nicht geleistet. Zu diesem Ergebnis kommt "Report Mainz" nach einem Selbstversuch. Im Raum Stuttgart lehnen alle zehn telefonisch um Hilfe gebetenen Kinderärzte ab, ein zehnjähriges Mädchen, das durch starke Bauchschmerzen und Erbrechen geschwächt ist, zu Hause aufzusuchen. Vier Praxen wollen das Kind ins Krankenhaus verweisen. Alle anderen bestehen darauf, dass das Kind zu ihnen in die Praxis kommt - auch wenn es schon sehr geschwächt ist. Der Sprecher des Spitzenverbandes-Krankenkassen GKV, Florian Lanz, hat dafür kein Verständnis: "Für solche Fälle sind Hausbesuche da. Dafür sind auch Kinderärzte ausgebildet. Dazu sind sie verpflichtet. Und dafür werden sie schließlich auch bezahlt."

Die Gesundheitsexpertin des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, Ilona Köster-Steinebach, sieht Probleme, wenn Ärzte Hausbesuche generell vermeiden: "Das kann zum einen dem Kind schaden, das bedeutet erheblichen Stress für Eltern und Kinder." Außerdem gebe es auch eine Ansteckungsgefahr für andere Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn ein Kind mit Scharlach oder Windpocken etwa transportiert würde. Und wenn Eltern letztlich in ihrer Not auf den Rettungsdienst zurückgriffen, sei das nicht nur teuer, sondern hätte zur Konsequenz, dass der Rettungsdienst dann auch fehle, wenn zum Beispiel ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall anstehe.

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