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Westfalen-Blatt: zu 25 Jahre Mauerfall

Bielefeld (ots) - Hut ab, Wolf Biermann! So einen Auftritt vor dem Deutschen Bundestag muss Ihnen erst einmal jemand nachmachen. Da stellt sich der Liedermacher hin und verwandelt die Feierstunde zum 25. Jahrestag des Mauerfalls in eine politische Demonstration, wie sie das Parlament viel zu selten erlebt. Und der 77-Jährige redet nicht etwa von der hohen Warte des Künstlers, sondern aus der ganz persönlichen Sicht eines DDR-Bürgers, den sein Land 1976 vor die Tür gesetzt hat. Diese Wut auf die Linkspartei als Nachfolgerin der SED und der PDS hat ihre Gründe, und für Biermann sind es triftige. Im Herbst 2014 gilt das wohl noch mehr als jemals zuvor. Seit 1989 hat sich viel verändert. Und wer die Freiheit liebt, muss sagen: Alles ist besser geworden. Das kann nur bestreiten, wer den Blick auf den ganz realen Alltag in der DDR beharrlich verweigert: Mauertote, Drangsalierung im Berufs- und Privatleben, Verweigerung von Bildungschancen, ständige Bespitzelung durch die Stasi, Mangelverwaltung und das Verbot von Reisefreiheit. 16 Millionen Menschen einfach eingesperrt. Doch wie will jemand, der sich dieser Vergangenheit nur ungern erinnert, Gegenwart und Zukunft überzeugend gestalten. Für die Linkspartei in Thüringen sitzen noch immer ehemalige Stasi-Spitzel im Erfurter Landtag. Mit Blick auf den zum Greifen nahen Posten des Ministerpräsidenten hat sich der Landesverband lange gewunden, um dann doch nur zu erklären, dass die DDR »in der Konsequenz« ein Unrechtsstaat gewesen sei. Für die Bundespartei hingegen hält Fraktionschef Gregor Gysi unbelehrbar daran fest, dass der Begriff Unrechtsstaat »zu pauschal« sei. Das ist in der Konsequenz ziemlich erbärmlich und ganz pauschal gesagt - Entschuldigung für die drastische Wortwahl - schlicht zum Kotzen. Noch immer gaukelt die Linkspartei vor, die Lebensleistung der DDR-Bürger verteidigen zu müssen. Dabei greift die überhaupt keiner an. Und wer, der nicht am eigenen Leib die DDR-Diktatur zu spüren bekam, hätte ein Recht dazu? Zugleich beleidigt die Linke so jedoch all jene, die 1989 zu Hunderttausenden auf die Straße gegangen sind und viel für die friedliche Revolution riskiert haben. Und schließlich schwingt bei dieser Wortklauberei mitunter der unerhörte Vergleich mit, dass auch im vereinten Deutschland vieles geschehe, was Unrecht sei. An einem linken Ministerpräsidenten in Thüringen allein wird diese Republik nicht untergehen. Für Geschichtsklitterung aber darf es keinen Raum geben. Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall haben wir Deutschen allen Grund, dankbar zu sein. Im Westen darf der Respekt vor dem Mut dazukommen, den die Ostdeutschen 1989 bewiesen haben. Noch mehr Grund haben wir jedoch, gemeinsam wachsam zu bleiben. Die Demokratie ist ein Geschenk, das es immer wieder neu zu verteidigen gilt. Und das ist es, was uns dieser 25. Jahrestag des Mauerfalls in ganz besonderem Maße zu sagen hat.

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