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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Edward Snowden

Bielefeld (ots) - Dieses Jahr gibt es nicht nur eine »Person des Jahres«. So verdient der vom »Time«-Magazin vergebene Titel an Papst Franziskus auch ist, so sehr steht er ebenfalls Edward Snowden zu. Beide Männer haben die Welt durch ihr Handeln verändert. Das Oberhaupt der Katholiken rüttelte eine Kirche wach, die den Blick für das Wesentliche zu verlieren drohte. Der Ex-Geheimdienstler zog den Vorhang weg vor einer Architektur der Überwachung, die Freiheitsrechte bedroht. Mit seinen Enthüllungen trat der »Whistleblower« eine Diskussion um das richtige Verhältnis von Sicherheit und Privatsphäre los. Der Unterschied zwischen Papst Franziskus und Snowden besteht darin, wie sie in eigenen Reihen wahrgenommen werden. Die Katholiken sehen in Franziskus einen Hoffnungsträger, der die Kirche wieder attraktiv macht. Für die meisten Amerikaner bleibt Snowden aber ein Saboteur, der sein Land verraten hat. Außerhalb der USA wird ihm jedoch Bewunderung für seinen Mut gezollt. Während das Oberhaupt der katholischen Kirche vor allem Akzente gesetzt hat, schuf der »Whistleblower« Fakten, hinter die es kein Zurück mehr gibt. Ein halbes Jahr nach Beginn der Enthüllungen wissen wir, was die 40 000 NSA-Mitarbeiter treiben und in ihren Datenbanken lagern. Es sind Metadaten von Telefonaten und E-Mails, aber auch Inhalte von Kommunikation und Bewegungsprofile. Wir wissen, wie sich die Schlapphüte Zugang zu Kundendaten von Google, Yahoo, Facebook und anderen Internetriesen verschaffen und weltweit die Datennetze anzapfen. Wir haben gelernt, dass eine E-Mail-Adresse oder Telefonnummer reicht, um mit ein paar Mausklicks umfassende Dossiers über Ziel-Personen anzulegen. Dank Snowden machen sich Kanzlerin Angela Merkel und die Staatschefs befreundeter Länder keine Illusionen mehr über die Sicherheit ihrer Kommunikation. Dies schärfte das Bewusstsein, in eigene Infrastruktur zu investieren, die es erlaubt, Datenströme künftig an den USA vorbeizuleiten. Zugleich steigt der Druck auf amerikanische Internetriesen, die wirtschaftliche Einbußen fürchten und sich deshalb neuerdings gegen die Schnüffeleien ihrer Regierung zur Wehr setzen. Eine Expertenkommission legte Barack Obama jetzt einen Katalog mit Reformen ans Herz. Die Ankündigung des US-Präsidenten, seinen Diensten Anfang des Jahres Selbstbeschränkungen aufzuerlegen, hätte es ohne den Ex-NSA-Mann nie gegeben. Ob sich die Geheimdienste am Ende in ihre Schranken weisen lassen, bleibt allerdings so ungewiss wie der Erfolg der Reformen im Vatikan. Vom Ausgang beider Projekte hängt viel ab: Die Relevanz der Kirche sowie die Zukunft demokratischer Bürgergesellschaften. Anders als auf Franziskus wartet auf Snowden aber garantiert nicht die Heiligsprechung. Zweifelsohne verdient jener es aber, sich den Titel »Person des Jahres« mit dem Papst zu teilen.

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