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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Christian Wulff

Bielefeld (ots) - Weihnachten 2011. Vor einigen Tagen hat die Bild-Zeitung veröffentlicht, das Ehepaar Wulff habe für seinen Hauskauf einen Kredit von einem Unternehmer bekommen. Jetzt beginnt die mediale Jagd auf Christian Wulff, den mutmaßlichen Schnorrer. Weihnachten 2012. Seit zehn Monaten ist Wulff nicht mehr Bundespräsident, seine Ehe ist am Ende, der Ruf ruiniert. Weihnachten 2013. Christian Wulff kann wieder strahlen. Im Korruptionsprozess gegen den früheren Bundespräsidenten hat Richter Frank Rosenow erklärt, der in der Anklage erhobene Vorwurf der Vorteilsannahme sei nicht zu belegen. Dass es nur ein Zwischenfazit ist, das das Gericht gezogen hat, braucht Wulff nicht zu sorgen. Die wichtigen Zeugen sind gehört, und keiner hat den Beweis angetreten, dass sich Wulff für den Filmproduzenten David Groenewold eingesetzt hat, weil dieser 2008 einen Teil des Oktoberfestbesuchs der Wulffs bezahlt hatte. Christian Wulff ist gestern seinem Ziel der Rehabilitation einen großen Schritt nähergekommen. Dass der Richter eine Einstellung des Verfahrens vorgeschlagen hat, anstatt gleich einen Freispruch in Aussicht zu stellen, hat allein taktische Gründe: Spricht das Gericht Christian Wulff frei, geht die Staatsanwaltschaft in die Revision. Weil das Urteil dann vom Bundesgerichtshof überprüft wird, müssen sich die Hannoveraner Richter bei ihrer schriftlichen Urteilsbegründung viel Mühe geben. Und trotzdem besteht die Möglichkeit, dass der BGH das Urteil aufhebt und es einen neuen Prozess gibt. Die vom Richter angeregte einvernehmliche Einstellung des Verfahrens bedeutet dagegen, dass damit der Sack zu wäre. Dass nicht noch Monate verhandelt werden müsste, und dass die Justiz keine weitere Arbeit mit dem Fall Wulff hätte. Doch so einfach will es der Angeklagte den Richtern nicht machen. Und er hat Recht: Warum sollte er jetzt, da ein Freispruch greifbar erscheint, den Weg nicht zu Ende gehen? Es wird eine große Last von Wulff fallen, sollte er im kommenden Jahr freigesprochen werden. Zum Ehrenmann macht ihn ein Freispruch allerdings nicht. Denn Wulff ist nicht unschuldig an den - vereinzelt auch überzogenen - Attacken, die gegen ihn geritten wurden. Mit seiner Behauptung 2010 im niedersächsischen Landtag, er pflege keine geschäftliche Beziehung zu Unternehmer Egon Geerkens, hat er das Parlament hinters Licht geführt. Denn Geerkens Frau hatte den Wulffs 500 000 Euro für deren Hauskauf geliehen. Auch Urlaube in Luxusdomizilen wohlhabender Unternehmer sind dem Ansehen eines Ministerpräsidenten abträglich und schüren den Verdacht des Filzes. Wulff hätte sich doch fragen müssen: Laden die mich ein, weil ich so ein toller Kerl bin, oder Ministerpräsident? Auch im Lichte eines möglichen Freispruchs war Wulffs Rücktritt, der sich im Februar zum zweiten Mal jährt, nur folgerichtig. Offiziell trat Wulff zwar wegen der Ermittlungen gegen ihn ab. Tatsächlich aber war er der Würde des Amtes nicht gewachsen.

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