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Neue Westfälische (Bielefeld): Die Brexit-Verantwortlichen ziehen sich zurück Fahnenflucht Jochen Wittmann, London

Bielefeld (ots) - Innerhalb weniger Tage hat sich das politische Terrain im Königreich rasant verändert. Mit Nigel Farage ist nun ein weiterer Fixpunkt der politischen Landschaft verschwunden, schon letzte Woche hatte Boris Johnson - ebenfalls völlig überraschend - erklärt, sich nicht für den Parteivorsitz bei den Konservativen bewerben zu wollen. Millionen von Briten, die gegen den Brexit gestimmt haben, empfinden es als Schlag ins Gesicht, dass Farage und Johnson erst ein völliges Schlamassel angerichtet haben und sich jetzt aus der Verantwortung stehlen. Im Fall Farage trifft der Vorwurf nicht ganz zu. Der Mann war nie in einer Position, wirklich bestimmen zu können, wie der Brexit gestaltet werden soll. Als Chef der UKIP, einer Partei, die im Unterhaus über einen einzigen Abgeordneten verfügt (mit dem er auch noch zerstritten ist), gab es für Farage immer nur die Rolle der Opposition. Doch Johnson muss sich dem Vorwurf der Fahnenflucht stellen. Er hätte Chancen gehabt, als künftiger Premierminister die Austrittsverhandlungen zu führen. Doch er hatte keinen Plan und offenbar Angst, Verantwortung zu übernehmen. Der Parteigrande Lord Heseltine ging mit Johnson scharf ins Gericht: "Er ist wie ein General, der seine Truppen ins Feuer führt und beim Anblick des Schlachtfelds ausreißt. Mit dieser Schande muss er leben." Von den ursprünglich drei "Brexiteers", die an vorderster Front für den Austritt aus der EU gekämpft haben, ist nur noch Michael Gove dabei. Der Justizminister bewirbt sich um den Parteivorsitz der Tories und strebt, falls er Premierminister wird, eine völlige Loslösung von der EU an. Er will nicht, wie etwa Kandidatin Theresa May, über den Zugang zum Binnenmarkt verhandeln, sondern verlangt den scharfen Schnitt. Gove, so der allgemeine Konsens, ist ein Überzeugungstäter und sicherlich derjenige, der noch am ehesten einen Plan hat, wie es weitergehen soll. Er ist ein höflicher Radikaler, der für seine Ideale alles opfert. Sogar seinen Mitstreiter Boris Johnson, dessen Bewerbungskampagne Gove geleitet hatte, bevor er ihn für unfähig erklärte. Damit aber dürfte Gove seine Chancen entscheidend verschlechtert haben. Briten mögen Illoyalität nicht. "Wer das Messer schwingt", lautet eine britische Lebensweisheit, "wird niemals die Krone tragen." Goves Aussichten auf den Chefposten werden jetzt von Buchmachern und politischen Beobachtern als verschwindend bewertet. Damit wäre dann auch der dritte Brexiteer von der Bühne verschwunden.

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