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Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Missbrauch Die Glaubwürdigkeit des Papstes Julius Müller-Meiningen, Rom

Bielefeld (ots) - Es gibt Fragen, von denen sich auch ein Papst überfordert fühlen kann. Als er auf dem Rückflug aus Israel um seine Meinung im Hinblick auf den Status der Stadt Jerusalem als möglicher Hauptstadt eines palästinensischen Staates gebeten wurde, erwiderte Franziskus offen: "Ich fühle mich nicht kompetent zu sagen, man sollte dieses oder jenes tun, das wäre ja auch Wahnsinn." Konkret lud Franziskus beide Seiten zu einem Gebetstreffen in den Vatikan ein. Die Probleme im Nahen Osten, die der Papst auf seiner Reise nach Jordanien, Betlehem und Jerusalem mit Händen greifen konnte, gehen das Oberhaupt der Katholiken nur bis zu einem gewissen Grad etwas an. Das weiß Franziskus und verhält sich dementsprechend. Ganz anders steht es um die Probleme im eigenen Haus, etwa beim Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche. Diese Frage geht niemanden so viel an wie Franziskus. Entsprechend drastisch äußerte sich der Papst nun auch und versprach "null Toleranz" und "keine Privilegien" für Priester, die sich schuldig gemacht haben. In einigen Fällen hält die Kirche trotzdem bis heute ihre Hand schützend über Mitglieder des Klerus. Beim Thema Kindesmissbrauch entscheidet sich jedoch, wie ernst es Franziskus mit seinem Reformkurs meint. Denn nur durch eine absolut glaubwürdige Haltung in dieser Frage kann die Kirche das Vertrauen wiedererlangen, das sie seit Jahrzehnten verspielt hat. Die Überstellung der Täter an die Staatsanwaltschaft hilft dabei nur in Einzelfällen weiter, in Deutschland etwa gibt es aus Rücksicht auf eine erneute Traumatisierung der Opfer keine Anzeigepflicht. Entschiedene und harte Worte, ein Treffen mit Opfern, wie es Franziskus jetzt plant, oder die Berufung einer Kommission sind nur der Anfang. Entscheidend ist vielmehr, wie die Kirche sich dem Problem konkret vor Ort stellt, etwa im Hinblick auf eine würdige Entschädigung Tausender Opfer und der Ausstattung kirchlicher Gerichte, die mit den Fällen oft überfordert sind. Das ist auch eine finanzielle Frage, zu der Franziskus bislang weiter schweigt.

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