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Landeszeitung Lüneburg: smartPORT heißt die Strategie- Interview mit Dr. Sebastian Saxe über die Modernisierung des Hamburger Hafens und Veränderungen durch die Informationstechnologie

Lüneburg (ots) - Die vierte industrielle Revolution ist in aller Munde, den Zukuftstrend Digitalisierung hat der Hamburger Hafen längst erkannt. "Wir wollen den Hafen zum "smartPort", zu einem intelligenten Hafen machen", sagt Dr. Sebastian Saxe, Mitglied der Geschäftsleitung der Hamburg Port Authority (HPA). Von diesen Erfahrungen könne die gesamte Stadt profitieren. Dabei warnt der Experte die Industrie eindringlich, nicht den Anschluss zu verpassen.

Herr Dr. Saxe, Sie sind als CIO (Chief Information Officer) und - ganz neu - CDO (Chief digital Officer) verantwortlich für die Digitalisierung des Hamburger Hafens. Welche Vision steckt dahinter?

Dr. Sebastian Saxe: Die Digitalisierung ist derzeit einer der Megatrends, die sich auf der Welt abspielen, ähnlich wie einst das Thema Globalisierung. Wir haben die Vision, durch das Ausnutzen der Optionen, die die Digitalisierung bietet, alle Prozesse, die sich im Hamburger Hafen abspielen, dahingehend zu unterstützen, dass wir effizienter werden und damit konkurrenzfähiger im Vergleich zu anderen Häfen. Und im Hinblick auf die Energiebilanz wollen wir den CO2-Ausstoß reduzieren.

Wie weit ist das Projekt bereits fortgeschritten? Saxe: smartPORT ist weniger ein Projekt, sondern eine langfristige Strategie. Unser Ziel: wir wollen den Hamburger Hafen in den nächsten Jahren zum smartPORT, d.h. zum intelligenten Hafen weiterentwickeln. Bereits 2010 wurden an den wichtigsten Verkehrsknotenpunkten im Hamburger Hafengebiet Messstellen installiert, um das Verkehrsaufkommen, die Art der Fahrzeuge und ihre Geschwindigkeit zu messen und in unserem Port Road Management Center alle Systemdaten zur aktuellen Verkehrslage auf den Hafenrouten zusammenzufassen. Die Welthafenkonferenz, die im Juni vergangenen Jahres in Hamburg stattfand, war für uns die ideale Gelegenheit, nicht nur Visionen auf Folien, sondern ganz konkrete Projekte aus dem intelligenten Hafen zu zeigen. smartPORT beruht auf zwei Säulen: smartPORT energy und smartPORT logistics. Ziel von smartPORT energy ist die energetische Neuausrichtung des Hamburger Hafens, konkrete Projekte sind hier z.B. die Landstromanlage für Kreuzfahrtschiffe oder der Flottenaufbau von E-Fahrzeugen in der HPA. smartPORT logistics steht für intelligente Lösungen für den Verkehrs- und Warenfluss im Hamburger Hafen sowohl unter ökonomischen als auch ökologischen Gesichtspunkten. Eines der Beispiele hier ist eine Informations- und Kommunikationsplattform, die Disponenten und Lkw-Fahrer mit allen an der Logistik im Hafen Beteiligten vernetzt. Insgesamt haben wir 18 innovative Projekte aufgesetzt, d.h. von der Idee bis zur Umsetzung eines Prototyps. An diesen handfesten Projekten konnten wir zeigen, was Digitalisierung für einen Hafen bedeuten kann.

Werden diese Projekte fortgeführt? Saxe: Ja, viele laufen bereits produktiv und werden weiter ausgebaut. In der Nautischen Zentrale, sozusagen dem "Tower" für die Schiffe, die in die Hamburger Hoheitsgewässer kommen, kommt das Leitstandsystem PORTMonitor zum Einsatz, das in Echtzeit und auf Basis georeferenzierter Daten Informationen über Ereignisse und Zustände der Wasserstraßen im Hamburger Hafen liefert, welche die Nautische Zentrale zur Überwachung des Hafengebiets und seiner Elbzufahrt benötigt. Hierzu zählen unter anderem die aktuelle Position und die Ziele der Schiffe, Pegeldaten, Liegeplätze, Brückenhöhen oder auch aktuelle Baustellen. Seit Anfang 2013 gibt es den PORTMonitor auch in einer mobilen Version auf dem Tablet-PC. Er kann somit standortunabhängig während der Kontrollfahrten der Mitarbeiter des Hafenkapitäns auf den Barkassen eingesetzt werden und liefert quasi durch die Luft Echtzeitinformationen, z.B. von Baustellen, auf der Elbe an die digitale Monitorwand in der Nautischen Zentrale. Im Projekt smartROAD ging es um die Digitalisierung eines Straßenabschnitts. Dafür wurden Sensoren und Induktionsschleifen getestet, die an und in Straßen eingesetzt werden können, um die Erfassung der Verkehrsströme zu realisieren und damit letztendlich den Verkehrsfluss zu optimieren. Im Hinblick auf Nachhaltigkeitsaspekte spielt auch Licht eine große Rolle. Mithilfe von Sensoren an Lichtmasten wird die Straßenbeleuchtung gedimmt, wenn nur wenig Verkehr herrscht, was zu deutlichen Einsparungen führt. Die Teststecke hierfür ist knapp drei Kilometer lang. Auch dieses Projekt wird fortgeführt, um valide Evaluationsdaten zu bekommen und damit die Voraussetzung zu schaffen, die richtigen Sensoren einzusetzen und die Teststrecke auszuweiten. Auch auf dem Verkehrsträger Schiene waren wir aktiv. Es gibt im Hamburger Hafen ca. 300 Kilometer Schienen und 800 Weichen. Letztere werden normalerweise in einem regelmäßigen Zyklus gewartet. Die intelligente Weiche - die sogenannte smartSWITCH - ist mit einer Multisensorik ausgestattet. Sich abzeichnende Schwergänge werden umgehend gemeldet und so frühzeitig erkannt. Auf diese Weise kann das Technikpersonal eingreifen, bevor Störungen auftreten und die Weichen werden bedarfsgerecht geschmiert.

Der Containerumschlag im Hamburger Hafen ist um rund 10 Prozent zurückgegangen, hat das Folgen für die Zukunft des smartPORT? Saxe: Die Herausforderungen der Zukunft sind dadurch aber nicht geschmälert, die derzeitigen Zahlen sind vielmehr eine Momentaufnahme, die unser Anliegen nicht berühren. Auch in Zeiten des Umschlagrückgangs muss die Digitalisierung weiter vorangetrieben werden, um den Herausforderungen von morgen begegnen zu können!

Warum ist es gerade für den Hamburger Hafen so wichtig, auf Digitalisierung zu setzen? Saxe: Die Lage des Hafens mitten im Herzen der Stadt stellt an uns, die Hamburg Port Authority (HPA), besondere Anforderungen. Die direkte Nachbarschaft des Hafens zur Wohnbebauung der Stadt, aber auch der hohe Wirtschafts- und Durchgangsverkehr stellen dabei die größten Herausforderungen dar. Neben dem weiteren Ausbau der Verkehrswege im Hafen müssen die vorhandenen Infrastrukturen intelligent und effizient genutzt werden, denn auf der begrenzten Hafenfläche können und wollen wir Straßen, Schienen und Wasserwege nicht unbegrenzt erweitern. Bereits früh haben wir daher die Chancen, die uns die IT als Enabler zur Optimierung der Geschäftsprozesse bietet, erkannt und auch angewandt.

Hamburg hat mit einem weiteren Nachteil zu kämpfen, dem begrenzten Tiefgang der Fahrrinne. Macht der Trend zu Containerriesen die Modernisierungsvorhaben zunichte? Saxe: Ob die Containerschiffe noch größer werden, wird derzeit kontrovers diskutiert. Ob sich das insgesamt rechnet, steht infrage. Denn größere Schiffe haben nicht nur mehr Tiefgang, sondern werden auch immer breiter und länger, benötigen breitere Containerbrücken zur Abfertigung der Schiffe an der Kaikante, sodass in den Hafenanlagen kostenintensive Umbauten nötig wären. Eine OECD-Studie hat ergeben, dass die Vorteile der Containerriesen geringer sind als angenommen. Das führt in der Branche zu Überlegungen, ob es sinnvoll ist, die Schiffe immer weiter wachsen zu lassen.

Wenn alles automatisch läuft, wird der Hafen künftig ohne Menschen auskommen? Saxe: Die große Angstfrage, ob Digitalisierung die Menschen ersetzt, wird immer wieder gestellt. Wir haben gemeinsam mit der TU Hamburg-Harburg eine Untersuchung zu Tätigkeiten entlang der intermodalen Verkehrswege durchgeführt, in der wir darlegen, dass mit der Digitalisierung auch neue Berufsgruppen entstehen, zum Beispiel eine neue Berufsgruppe von Technikern, die die digitalen Sensoren verbauen, vernetzen und warten. Ich bin davon überzeugt, dass der Hafen im digitalen Zeitalter nicht menschenlos sein wird. Einige Tätigkeiten verschwinden, aber neue Berufe entstehen.

Wenn im Hafen Hightech auf höchstem Niveau im Spiel ist, müssen dann nicht auch die Beteiligten im Hintergrund mitgenommen werden? Saxe: Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Daher gehen wir mit unseren Ergebnissen auch regelmäßig an die Öffentlichkeit. Wir sehen uns als innovativen Vorreiter und möchten anhand konkreter Beispiele die Vorteile der Digitalisierung für alle Beteiligten aufzeigen. Die Beteiligten selber sind unterschiedlich weit in ihrem "Digitalisierungsdenken". Jetzt geht es darum, zu überlegen, wie man die verschiedenen Beteiligten - vom Zoll über Veterinärwesen, Speditionen bis hin zu Lagerhaus und Verkehrsunternehmen - verzahnen kann, um den "Weg der Digitalisierung" gemeinsam zu beschreiten. Das ist ein bisschen Pionierarbeit.

Die Ausdehnung der übergreifenden Vernetzung verursacht riesige Datenmengen - Schon heute gibt es 300 Hacks täglich. Sind Sie auf Cyberangriffe vorbereitet? Saxe: Die Gefahren sind uns sehr wohl bewusst. Es gilt Risiken und Chancen gegeneinander abzuwägen. Dennoch sind es meiner Meinung nach die Vorteile der Digitalisierung, die überwiegen. Wir setzen uns z.B. mit der Sicherheitsstruktur von Netzen und Sensoren auseinander. Protokolle von Sensoren sind ein bisher noch nicht standardisiertes Feld. Gemeinsam mit der TU Hamburg-Harburg haben wir eine smartPORT-Professur errichtet, die sich u.a. mit Sicherheitsmechanismen von Sensoren auseinandersetzen wird. Denn Sensoren sind in der Kette der Datennetze das letzte Glied und stellen oft Angriffsziele von Hackern dar. Die Achillesferse ist dort, wo das Netz ungeschützt oder unsystematisiert verlassen wird. Daher liegt hier ein Forschungsschwerpunkt. Durch den Einsatz neuer Technologien bei den Sicherheitsmechanismen selber gibt es auch für diese Fragestellungen gute Lösungsansätze.

Welchen Nutzen hat der smartPORT für die Hansestadt und die Region? Saxe: Von den Erfahrungen, die wir im Hafengebiet mit der Digitalisierung machen, kann die ganze Stadt profitieren. Aktuell wird überlegt, wie diese auf die Stadt übertragen werden können. Hamburg beabsichtigt, sich für den ITS Weltkongress 2021 zu bewerben (Intelligent Transport Systems). Dort sollen auch Innovationen auf der Basis von Erfahrungen, die man im Hafen gemacht hat, vorgestellt werden.

Auf der CeBIT 2015 wurde der Mittelstand ermahnt, offener für Digitalisierungsstrategien zu sein. Kann der smartPORT hier Zeichen setzen? Saxe: Durchaus, denn am Beispiel des Hafens wird sehr plastisch deutlich, welches Potenzial die Digitalisierung birgt. Ich glaube schon, dass der Mittelstand in Deutschland insgesamt mehr tun muss in Sachen Digitalisierung. Es besteht die große Gefahr, dass ganze Geschäftsmodelle einbrechen, wenn hier der digitale Anschluss verpasst wird. Ich warne eindringlich vor dem "Kodak-Effekt".

Das Interview führte Dietlinde Terjung

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