Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Pokerspieler Tsipras
Der griechische Premier setzt alles auf eine Karte, um seine bröckelnde Macht zu festigen. Leitartikel von Reinhard Zweigler

Regensburg (ots) - So rasch können in der "großen Politik" scheinbar festgefügte Bastionen, zementierte Urteile und Vorurteile über den Haufen geworfen werden. Alexis Tsipras war bis zu seinem Wahlsieg mit der sehr linken und zugleich heterogenen Syriza-Bewegung für den Rest der Europäischen Union ein Paria, ein Aussätziger, mit dem man ganz bestimmt nicht über Milliardenkredite verhandeln werde. Nach dem Sieg bei der griechischen Parlamentswahl Ende Januar mussten sich Brüssel, Berlin, Paris, Rom und die anderen europäischen Regierungen notgedrungen und mit geballter Faust in der Tasche mit Tsipras, Varoufakis und Co. an einen Tisch setzen. Freilich dauerte das gegenseitige Belauern, Nicht-Trauen und Beschimpfen quälende sechs Monate. In dieser Zeit wurde Griechenland, das gerade dabei war, sich aus der tiefen Krise herauszurobben, noch tiefer in den Schlamassel geritten. Wegen der Sturheit der Tsipras-Regierung, aber auch wegen der Borniertheit der EU-Partner. Hier hoffte mancher auf ein rasches Ende des Tsipras-Spuks und auf baldige Neuwahlen, die dann die alten Parteien wieder ans Ruder bringen mögen. Die konservative Neo Demokratia und die sozialdemokratische Pasok etwa. Dabei wurde nur übersehen, dass beide Altparteien in den Augen einer Mehrheit der Griechen gnadenlos abgewirtschaftet haben. Sie stehen für Korruption und Misswirtschaft, für Verkrustung und staatliche Untätigkeit, worunter Griechenland seit Jahrzehnten zu leiden hat. Unter dem konservativen Ministerpräsidenten Antonis Samaras wurden im vergangenen Jahr nach Vorgaben der "Rettungs-Troika" noch drastische Einschnitte bei Rentnern und Arbeitenden vorgenommen. Griechische Großkopferte, Reeder und sonstige Milliardäre jedoch kamen ungeschoren davon. Sie konnten, vom Fiskus unbehelligt, Vermögen ins Ausland transferieren. Dies erzeugte böses Blut und sorgte für den Rückenwind, der Alexis Tsipras schließlich ins Athener Regierungsamt trug. Der Linke trat mit dem verlockendem Versprechen an, er werde sich dem Diktat der Troika nicht beugen und stattdessen die Würde des Landes bewahren. Und der unsägliche Wirtschaftsprofessor Gianis Varoufakis, der über Nacht auf den Posten des Finanzministers gespült wurde, tat alles, um seine EU-Amtskollegen zur Weißglut zu bringen. Das für einen solchen Rettungsakt notwendige Vertrauen in Athen konnte so keinesfalls entstehen. Mit Brüssel pokerten Tsipras und Varoufakis solange, bis es wirklich nicht mehr ging. Noch durch das Referendum vom 5. Juli ließen sie ihren einsamen Kurs ohne einschneidende Reformen von einer Mehrheit ihrer Landsleute absegnen. Dann jedoch kam die Wende. Der Premier setzte den halsstarrigen Varoufakis vor die Tür, überwarf sich zugleich mit den Ultralinken in der Syriza-Bewegung - und willigte in das Gegenteil dessen ein, was er im Wahlkampf versprochen und wenige Tage zuvor noch abgelehnt hatte wie der Teufel das Weihwasser. Ob das unverhohlene Drohen mit dem Grexit durch Wolfgang Schäuble den Umschwung brachte oder nicht, sei dahin gestellt. Fakt ist: Tsipras hat so etwas wie staatsmännische Verantwortung übernommen. Vertrauen ist zwar immer noch nicht sonderlich gewachsen, doch zumindest scheint es so, als werde Griechenland nicht mehr von einem unberechenbaren Hasardeur regiert. Nun hat Tsipras einen weiteren Joker ausgespielt. Nachdem das dritte Hilfspaket pefekt ist, trat er zurück, um den Weg für Neuwahlen im September frei zu machen. Es ist gar nicht einmal aussichtslos, dass der gewandelte Ultralinke daraus wiederum als Sieger hervor gehen könnte. Offenbar hat Tsipras Gefallen an der Macht gefunden, egal, mit wem er regiert. Das ist für den Fortgang der weiter äußerst schwierigen Griechenland-Rettung vielleicht nicht mal das Schlechteste.

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