Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Farbe bekennen - Die Kirche hat eine jahrtausendealte Tradition. Das allein ist kein Zukunftsgarant. Von Dagmar Unrecht

Regensburg (ots) - Die Lage der katholischen Kirche in Deutschland ist schwierig. Kirchenaustritte häufen sich. Der Missbrauchskandel und nicht zuletzt die Verschwendungssucht des ehemaligen Limburger Bischofs Tebartz-van Elst haben ihr Ansehen schwer beschädigt und Vertrauen zerstört. Die moralischen Ansprüche, die die Institution vertritt, sind hoch. So hoch, dass sogar Würdenträger an ihnen scheitern und sich dennoch der schützenden Hand des Klerus gewiss sein können. Die Diskrepanz zwischen reiner Lehre und realem Leben zwingt aber auch einfache Gläubige zu einem Spagat. Denn die Lebenswirklichkeit vieler Menschen in Deutschland ist von der Kirche weit entfernt. Am Sonntag bleiben daher Gotteshäuser leer. Dass derzeit tausende Christen in Regensburg gemeinsam den Katholikentag feiern, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kirche an der Basis wenig Gehör findet. Dabei sind die Sinnfragen, die sie stellt, zeitlos. Das Problem liegt bei den Antworten, die die Kirche gibt - oder auch schuldig bleibt. Die moderne Welt hat ihre eigenen Regeln, die vor allem den Gesetzen der Märkte folgen. Wir stehen im Wettbewerb: im Beruf, in der Familie, in der Freizeit. Materielle Ziele haben einen hohen Stellenwert. Zugleich ist der Wunsch nach Orientierung, Trost, Beistand und Hilfe in der Not tief im Menschen verwurzelt. Genau in diesem Spannungsfeld kann Kirche sich einbringen. Dafür muss sie die Nöte ihrer Schäfchen kennen, Distanz abbauen und im besten Sinne "Seelsorge" betreiben. Christen wollen Ernst genommen werden, daher dürfen umstrittene Themen nicht außen vor bleiben: zum Beispiel der Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen, der Zölibat, die Sexualmoral oder auch die Frage nach Frauen im Priesteramt. Noch heikler ist aber ein anderer Aspekt: Der Kirche fehlt Personal. Bischofssitze bleiben unbesetzt, Gemeinden werden zusammengelegt, viele Pfarrer stehen kurz vor dem Ruhestand. In der Not werden Seelsorger aus anderen Teilen der Welt geholt. Bei allem guten Willen stoßen diese oft an ihre Grenzen, vor allem, wenn sie nicht genügend Sprachkenntnisse mitbringen. Auf Dauer wird die Kirche nicht darum herum kommen, engagierte Laien weiter einzubinden. Viele Menschen, die nicht an Gott glauben, interessieren sich dennoch für Spirituelles oder haben einen diffusen Glauben an eine höhere Ordnung. Der englischen Schriftsteller und Philosoph Gilbert Keith Chesterton hat dazu das geflügelte Wort geprägt: Wer nicht an Gott glaubt, glaubt oft nicht an nichts, sondern an alles Mögliche. Wenn Kirche auch in Zukunft eine starke Kraft sein will, muss sie solche Sehnsüchte bündeln. Sie kann ihre Werte materiellem Denken entgegensetzen und so den Blick auf den Rand der Gesellschaft lenken, auf die Schwachen und Hilfebedürftigen, die nach reinen Leistungskriterien gescheitert sind. Kirche kann für das Maßhalten eintreten, für die gesunde Mitte statt Streben nach Bestmarken. Diese Aufgabe ist gewaltig. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer und damit die Spannungen innerhalb der Gesellschaft. Da wäre eine starke Stimme gefragt, doch dafür dürfen Würdenträger sich nicht in Sakristeien und Klöstern zurückziehen, sondern müssen hinaus auf die Straße. Der Katholikentag bietet mehr als tausend Veranstaltungen auch zu heiklen Themen. Das Glaubensfest der Laien ist aber eine Ausnahmesituation. Eine Kirche, die im Alltag Einfluss ausüben möchte, sollte mehr sein als Feiertageslieferant und Platzhalter für Heilig-Abend-Besinnlichkeit. Die Institution hat schon Jahrtausende überdauert. Wenn das auch in Zukunft so bleiben soll, muss die Kirche mehr Farbe bekennen.

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