Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Quicklebendig statt verstaubt
Der DGB erlebt einen Wechsel an der Spitze - und gleichzeitig eine Renaissance der Arbeitnehmervertretung. Leitartikel von Reinhard Zweigler

Regensburg (ots) - Mit der modernen Arbeitswelt, erst Recht der Digitalisierung der Kommunikationsmöglichkeiten und der Individualisierung der Arbeitswelt, würden die Gewerkschaften zu einem absterbenden Ast der Gesellschaft, unkten Kritiker. Eine verstaubte Einrichtung, die von Funktionären nur noch notdürftig verteidigt würde. Nicht vergessen ist auch, wie Großbritanniens "eiserne Lady" Maggy Thatcher die Gewerkschaften entmachtete. An den Folgen dieser verheerenden neoliberalen Entscheidungen leiden Wirtschaft und Gesellschaft im Vereinten Königreich noch heute. Gestern begann in Berlin mit viel gewerkschaftlichem Tamtam, viel Prominenz und in neuer hypermoderner Kulisse im neuen Messegebäude am Funkturm, neudeutsch "City Cube", der 20. DGB-Kongress. Dieses "Parlament der Arbeit" wird nicht nur einen Nachfolger für Michael Sommer wählen, sondern erlebt gewissermaßen auch eine Renaissance der Arbeitnehmervertretung. Der DGB und seine acht Mitgliedsgewerkschaften haben sich in der modernen Arbeitswelt nicht nur als wichtige und unverzichtbare Stütze des Tarifsystems erwiesen, sondern auch als politische Speerspitze für Arbeitnehmerinteressen. Der Ausgleich der Interessen von Kapital und Arbeit, von Unternehmen und Belegschaft geht zwar keineswegs konfliktfrei über die Bühne, sondern da wird auch kräftig gerauft. Doch die Art und Weise, wie bislang in Deutschland immer wieder ein Kompromiss gefunden werden konnte, wird von anderen Ländern neidvoll betrachtet. Das Wort von der "Tarifpartnerschaft" beschreibt immer noch gut diese spannungsgeladene Verbindung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Gerade in der Finanzkrise hat diese Partnerschaft wesentlich dazu beigetragen, dass Deutschlands Wirtschaft nicht noch dramatischer einbrach. Der bisweilen knorrige scheidende DGB-Chef Sommer hat sich dieser geradezu staatstragenden,Aufgabe der Gewerkschaften nie verschlossen, sondern versucht, sie kraftvoll zu gestalten und auszuschreiten. Modernisierung kann nur mit und niemals gegen die Beschäftigten gemacht werden. Unternehmen und Konzerne, die diese alte gewerkschaftliche Weisheit nicht beherzigen, müssen zum Teil viel Lehrgeld und/oder Kursverluste zahlen. Manche verschwanden sogar völlig vom Markt. Mit dem ehemaligen Postboten Sommer, der für klare und drastische Worte bekannt ist, geht auch ein Gewerkschafter der alten Schule von Bord. Neuer Bundesvorsitzender der Dachorganisation soll Reiner Hoffmann werden. Er ist, wie Sommer auch, SPD-Mitglied. Doch auf das Parteimitgliedsbuch kommt es im DGB spätestens seit Gerhard Schröders Agenda 2010 nicht mehr an, mit der sich der Ex-Kanzler die Gewerkschaften zum Feind machte. Sommer und die Chefs der großen Einzelgewerkschaften haben den DGB seitdem in eine kritische Distanz zur SPD, zur Regierungspolitik insgesamt geführt. Der von der großen Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie kommende neue DGB-Chef Reiner Hoffmann wird diesen selbstbewussten Kurs ganz sicher fortführen. Und er dürfte zugleich offener sein für flexiblere Lösungen, etwa bei der mehr individuellen Regelung des Renteneintritts. Zuletzt hatten die Gewerkschaften wieder großen Zulauf. Hoffmann darf dieses Kapital nicht verspielen. Eine kräftige Stimme für Arbeitnehmerrechte ist weiterhin vonnöten.

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