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Aachener Nachrichten: Nichts gelernt - Das Jahresgutachten der "Wirtschaftsweisen"; Kommentar von Joachim Zinsen

Aachen (ots) - Die sogenannten Wirtschaftsweisen haben gestern in ihrem Jahresgutachten von der Bundesregierung gefordert, "mehr Vertrauen in Marktprozesse" zu zeigen. Mit Verlaub: Soll das ein satirischer Beitrag sein? Selbst marktradikale Hardliner müssten doch allmählich merken, welch verheerende Schäden entfesselte Märkte verursachen. Die weltweite Finanzkrise, die wirtschaftlichen Probleme der EU, die lahmende Binnenkonjunktur und die heftigen sozialen Verwerfungen in Deutschland: All das sind Resultate eines Wirtschaftskurses, der seit langem gefahren wird und den die Professoren noch weiter forcieren wollen. Der Lerneffekt bei ihnen tendiert offenbar gegen null. Der Staat als wirtschaftlicher Akteur und strengerer Normengeber? Nein, für die Weisen bleibt das Teufelszeug! Umsteuern? Kommt nicht in Frage! Das wäre ja das Eingeständnis, jahrzehntelang falsch gelegen zu haben. Stattdessen wollen die Herrschaften offenbar mit aller Gewalt einen Satz des Wirtschaftswissenschaftlers Heiner Flassbeck bestätigen. Der hat jüngst über seine Zunft gesagt: Die meisten Ökonomen sind keine Spürhunde, die nach Fehlern im System der Volkswirtschaft suchen, sondern vielmehr Wachhunde, die ihr ideologisches Revier verteidigen. Folglich geißelten die Weisen gestern dann auch den Mindestlohn als eine Ursache der Wirtschaftsflaute. Gratulation zu dieser intellektuellen Meisterleistung. Dumm ist nur, dass der Mindestlohn erst zu Beginn des kommenden Jahres in Kraft tritt. Aber so genau nehmen es die Ökonomen nicht. Alle Wirtschaftsweisen sollten wir jedoch nicht über einen Kamm scheren. In dem fünfköpfigen Gremium sitzt auch Peter Bofinger. Der Finanzwissenschaftler widersprach gestern seinen Kollegen. Damit Deutschland und Europa einen Weg aus der Krise finden können, fordert er deutlich mehr staatliche Investitionen und warnt davor, die "Schwarze Null" wie einen Götzen anzubeten. Bofinger hat die Zeichen der Zeit schon lange erkannt. Leider aber sind er und ein paar andere Kollegen immer noch einsame Rufer in der von Marktradikalen dominierten deutschen Ökonomen-Szene.

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