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BERLINER MORGENPOST: Kein leichtes Schuljahr Leitartikel von Gilbert Schomaker zum Beginn des neuen Schuljahres in Berlin

Berlin (ots) - Es sollte den Eindruck vermitteln: Ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) verkündete am gestrigen Donnerstag stolz, dass alle offenen Lehrerstellen an Berlins Schulen zum Schuljahresbeginn besetzt sein werden. 1500 Lehrer wurden neu eingestellt. Die Zahl scheint auf den ersten Blick groß. Doch Berlins Schulen müssen viele Abgänge verkraften. Denn die Pensionswelle im öffentlichen Dienst erreicht auch die Bildungseinrichtungen. Da gleichzeitig die Zahl der Schüler durch Zuzug wächst, ist es gut, dass es gelungen ist, so viele Pädagogen für Berlin zu begeistern. Zur Wahrheit gehört ebenso, dass es eigentlich nicht genug ausgebildete Lehrer für Berlins Schüler gibt. Denn die Senatorin musste mehr als 300 sogenannte Quereinsteiger einstellen. Also Akademiker, die keine pädagogische Ausbildung haben. Sie werden zwar berufsbegleitend geschult, sind aber vom ersten Tag an voll im Unterricht. Die Lage an vielen Schulen ist nicht leicht. Es gibt Problemkieze mit Kindern, die aus schwierigen familiären Verhältnissen kommen. Zudem bereiten sich die Schulen auf die Einführung der Inklusion vor. Verhaltensauffällige Kinder oder Jungen und Mädchen mit Behinderungen sollen demnächst auch an den Regelschulen und nicht mehr separat unterrichtet werden. Beides sind Aufgaben, die die Lehrer schon seit vielen Monaten, wenn nicht Jahren beschäftigen. Nun kommt noch eine weitere Herausforderung hinzu: die Integration der Flüchtlingskinder. Ihre Zahl steigt enorm. Mit fast 5000 Mädchen und Jungen ohne Deutschkenntnisse rechnet die Senatorin. Mit dem anwachsenden Flüchtlingsstrom wird auch diese Zahl noch weiter steigen. Schulsenatorin Scheeres will, dass diese Kinder nach kurzer Zeit in Willkommensklassen dann an den normalen Schulen Deutsch, Mathematik und Geschichte lernen. Im Alltag gibt es da sicherlich viele Probleme mit der Verständigung und der Betreuung. Scheeres will dafür die Lehrer qualifizieren und den Schulen zusätzlich Personal für die psychologische Betreuung von traumatisierten Kindern sowie Sozialarbeiter bereitstellen. Es wird darauf ankommen, dass die Schulen sich nicht alleingelassen fühlen mit der Mammutaufgabe. Die Senatorin sollte in ihrer Verwaltung genügend Ansprechpartner haben und notfalls mit mehr Personal nachsteuern. Der beste Weg, die Sprache zu lernen und sich in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden, führt über die Schulen. Da mutet es absurd an, wenn der SPD-Landesvorsitzende von Thüringen Andreas Bausewein die Schulpflicht für Flüchtlingskinder in laufenden Asylverfahren abschaffen will. Bausewein will damit die Schulen entlasten. Sowohl Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) als auch Schulsenatorin Sandra Scheeres lehnen diesen Vorschlag ab. Wieso sollten die Kinder auch in den Flüchtlingsheimen oder auf der Straße ihre Zeit sinnlos vergeuden? Nein, es ist die Aufgabe der deutschen Gesellschaft, diesen Kindern Perspektiven zu geben. Ganz gleich, ob sie dauerhaft oder nur für eine Zeit in Deutschland leben. Aber noch einmal zurück zu den Hausaufgaben der Schulsenatorin. Der Senat hat ein Programm aufgelegt, um die Schulen zu sanieren. 76 Millionen Euro werden für neue Dächer, Isolierungen, Sportanlagen und Toiletten ausgegeben. Das Problem in Berlin ist allerdings, dass die Bezirke für die Schulbauten zuständig sind. Das führt dazu, dass wegen Personalmangels oder Problemen bei der Ausschreibung, die Sanierung häufig nicht so schnell vorangeht, wie es sich viele Lehrer, Schüler und Eltern wünschen. Es wäre gut, wenn die oberste Politikerin, die für die Berliner Schulen zuständig ist, sich dieses Problems annehmen würde. Das ständige Verweisen auf die Aufgaben zwischen Bezirken und Senatsverwaltungen bringt nichts. Scheeres sollte nachhalten, dass die vom Senat eingeplanten Millionenbeträge nun auch zügig verbaut werden.

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