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BERLINER MORGENPOST: Kommentar zu Ersatzkanzler Westerwelle

Berlin (ots) - Irgendwas Auffälliges am gestrigen Mittwoch? Eher nicht. Mittelguter Sommertag, ein wenig Krisenpause, nicht mal Fußball - Deutschland gibt sich dem Flip-Flop-Feeling hin. Für den Bundesaußenminister, Vizekanzler und FDP-Chef war dieser Mittwoch allerdings ein historischer, der Tag des Neustarts, der Beginn von Westerwelle 2.0. Während die Kanzlerin rund um den Ortler nach festem Tritt sucht, leitete ihr Stellvertreter die Kabinettssitzung - bei der allerdings nur acht von fünfzehn Ministern zugegen waren - zudem gab er eine umfängliche Bundespressekonferenz und bat hernach auch noch ins Auswärtige Amt, um die großen Linien seiner Diplomatie zu verdeutlichen. Westerwelles Kalkulation ist klar: Das Sommerloch bietet viel Platz. Und wenn einer in den vergangenen Monaten Probleme hatte, dann kann er diesen Platz nutzen, um endlich mal einiges richtigzustellen. Immerhin: Westerwelle hatte die Triumph-Sirene leiser gestellt, zeigte sich besorgt über die Spannungen in Nahost und versuchte gar dosierte Selbstkritik. Doch für einen Wahrnehmungswandel ist es zu früh. Weder Medien noch Menschen funktionieren nach pawlowschen Reflexen, jedenfalls nicht zuverlässig. Viel Platz in den Medien bedeutet in Westerwelles Fall nach wie vor: viel Platz für Hohn und Spott. Zu durchsichtig ist die Inszenierung als großer Politikgestalter für einem Tag, zu präsent sind Flugbegleiter-Fälle und Sozialpolitik-Statements, nicht eingelöste Steuerversprechen, Wahlschlappen und Streitereien mit der CSU. Gerecht oder nicht: Westerwelle ist Gesicht und Habitus des grandiosesten Fehlstarts, den je eine Bundesregierung hingelegt hat. Das wirkt nach, bei Wählern und Partei. Die jüngsten Umfragen belegen erneut, dass die FDP die kostbarste Ressource der Politik verspielt hat: Vertrauen. Es hätte für Westerwelles Lernfähigkeit gesprochen, wenn er sich in der edelsten Tugend des Volksvertreters geübt hätte: Zurückhaltung. Nach dem Watschengewitter der letzten Monate hätte der Ober-Liberale auch kurz und knapp auftreten können, mit einer Portion Selbstironie, die eigene Wichtigkeit betreffend. Leider vergeigt - Westerwelle musste zwei Wochen nach der Kanzlerin unbedingt auch noch mal sagen, wie er denn alles so findet. In Krisenzeiten ist es bisweilen ratsam, einfach mal die Klappe zu halten. Zumal der anfangs verspottete Wirtschaftsminister Brüderle als Debattentreiber langsam zu Form findet, Kollegin Leutheusser-Schnarrenberger das lange verödete Feld der Rechtspolitik mit populistischer Routine bestellt und mit Generalsekretär Lindner eine gewisse Ernsthaftigkeit eingezogen ist bei den Liberalen. Fakt ist: Die FDP spielt mit einem stillen Westerwelle wie die Nationalelf mit einem verletzten Ballack - bestimmt nicht schlechter. Aber das politische ADS, eine grundlose, dafür dauerhafte Hibbeligkeit scheint Westerwelle zu eigen. Er selbst und das Land werden damit leben müssen. Er empfinde es als eine große Ehre, "dass man seinem Land dienen darf", tremolierte der Außenminister gestern. Jetzt muss er nur noch damit anfangen.

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