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Berliner Morgenpost: Nur die besten Schulen retten die Problemkieze - Kommentar

    Berlin (ots) - In Wedding und Teilen Neuköllns herrscht der soziale Ausnahmezustand, am Stadtrand sind Teile von Marzahn-Hellersdorf, Spandau und Reinickendorf auf dem absteigenden Ast. Das erste Fazit aus dem Sozialstrukturatlas für Berlin kann niemanden überraschen. Seit Jahren diskutieren wir über Armut, Arbeitslosigkeit, fehlende Zukunftsperspektiven, Bildungsnotstand, Gewalt und Verwahrlosung. Diese ballen sich eben vor allem in den schlechteren Vierteln einer Millionenstadt. Die Misere schlicht auf "Hartz IV" zu schieben, wie das die Sozialsenatorin tut, denkt zu kurz. Die Datensammlung als Fleißarbeit von Soziologen und Statistikern abzutun, wäre dennoch ungerecht. Der Atlas bietet die Möglichkeiten, detailliert anzuschauen, was sich in einem Kiez tut. Sichtbar wird etwa, dass sich Pankow, Prenzlauer Berg und Teile Friedrichshains, Kreuzbergs, Schönebergs positiv entwickeln. Ein Ring von Altbauquartieren um die ohnehin gut situierte Stadtmitte herum strebt auf. Das gilt auch für das neuerdings als Fluchtort der Kreativen gefragte Nord-Neukölln. Aber was steckt wirklich hinter einem Aufstieg? Ziehen nur neue Leute zu und verdrängen die Armen oder verbessern sich auch die Alteingesessen? Oder sterben einfach nur die armen Rentner, deren Wohnungen hoffnungsfrohe Studenten übernehmen? All das sollte wissen, wer die viel beschworene "Gentrifizierung" bejammert, wie das manche Sozialdemokraten und Linke so gerne tun. Wenn in gefragten Innenstadtlagen höhere Mieten verlangt und gezahlt werden, dann ist das ein Symptom dafür, dass sich die Lage dort verbessert, auch wenn es im Einzelfall schmerzen mag. Die Stadt lebt, das macht Berlin so faszinierend. Die Szene, in ihrem Gefolge die bürgerlichen Urbanisten und schließlich die Immobilienentwickler wandern von Kiez zu Kiez. Solche Trends entstehen aus Tausenden von Einzelentscheidungen mündiger Bürger. Es wäre eine Lebenslüge linker Kommunalpolitik, solche Bewegungen verhindern oder steuern zu wollen. Nichts gegen Quartiermanagement. Aber dieses Instrument kann nicht aus abgehängten Kiezen Aufsteiger machen. Das belegt das Beispiel des Dauer-Verlierers Rollberg, wo seit Jahren fast alles getan wird, was der Werkzeugkasten der Sozial-Ingenieure hergibt. Langfristig wird in Berlin geschehen, was in allen europäischen Großstädten passiert ist. Die Armen werden sich in den für Normalverdiener wenig attraktiven Großsiedlungen sammeln, im Westen wie im Osten. Die Politik muss zusehen, dass sie den 20 Prozent der Deklassierten in Berlin, egal wo sie wohnen, individuell hilft. Dass sie Leute qualifiziert und motiviert, für sich und ihre Kinder zu sorgen. Aber vor allem brauchen die Problemkieze die besten Lehrer und Schulen der Stadt, die auch bildungsorientierten Eltern so attraktiv erscheinen, dass sie dort wohnen bleiben. Aber zu einem solchen Beschluss, der natürlich auf Kosten der besser gestellten Viertel ginge, hat Rot-Rot nicht die Kraft.

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