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Zweite BP-Gesellschaftsstudie: Sprachlose Elite? Wie Unternehmer Politik und Gesellschaft sehen

Zweite BP-Gesellschaftsstudie: Sprachlose Elite? Wie Unternehmer Politik und Gesellschaft sehen
v.l.n.r.: Christof Blome, Rowohlt Verlag, Dr. Stine Marg, Co-Autorin und Mit-Herausgeberin, Institut für Demokratieforschung Universität Göttingen, Michael Schmidt, Vorstandsvorsitzender BP Europa SE. Weiterer Text über ots und www.presseportal.de/pm/42535 / Die Verwendung dieses Bildes ist für redaktionelle Zwecke honorarfrei. ...

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Berlin (ots) - Wie tickt Deutschlands Wirtschaftselite? Diese Frage stand im Mittelpunkt der zweiten BP-Gesellschaftsstudie von Prof. Franz Walter und Dr. Stine Marg, die heute vor der Bundespressekonferenz in Berlin vorgestellt wurde. In der von der BP Europa SE geförderten Studie befragte das Forscherteam in 160 Interviews Gesellschafter, Vorstände, Geschäftsführer und Unternehmer zu deren Werten, Selbstwahrnehmung und Blick auf Gesellschaft und Politik sowie zur persönlichen Biografie. Denn obwohl Spitzenmanager als Verantwortliche für tausende Arbeitsplätze und Milliardenumsätze eine zentrale gesellschaftliche Bedeutung haben, ist über ihr Weltbild und Selbstverständnis wenig bekannt.

Zwei Jahre nach der Veröffentlichung der ersten BP-Gesellschaftsstudie über die Motive von Protestbewegungen ("Die neue Macht der Bürger", Rowohlt 2013) liefert das Forscherteam des Göttinger Instituts für Demokratieforschung um Franz Walter damit die Fortsetzung der Analyse gesellschaftlicher Akteure. Michael Schmidt, Vorstandsvorsitzender der BP Europa SE, sieht in der Studie eine Chance, die Dialogfähigkeit in Deutschland zu stärken. "Nach wie vor sprechen gesellschaftliche Gruppen zu oft übereinander statt miteinander und verlassen sich zu sehr auf das eigene Vorverständnis, anstatt sich mit dem Gegenüber wirklich auseinanderzusetzen. Die neue Studie soll einen Beitrag dazu leisten, vorherrschende Einschätzungen über Unternehmer zu überprüfen, zu ergänzen und möglicherweise auch zu korrigieren."

Neben persönlichen Werdegängen und individuellen Wertvorstellungen wurden die Ansichten der Unternehmer zu wirtschaftlichen Entwicklungen, Politik und Gesellschaft detailliert untersucht.

Franz Walter und Stine Marg, die wissenschaftlichen Leiter der Studie, fassten einige wichtige Erkenntnisse des Göttinger Instituts für Demokratieforschung wie folgt zusammen:

   - Die Unternehmer in Deutschland haben aktuell von der 
marktradikalen Rhetorik aus der Zeit vor 2008 behutsam Abstand 
genommen. Die wirtschaftlichen Einbrüche und schweren Turbulenzen auf
den Finanzmärkten besonders, in den Musterländern des 
Neoliberalismus, scheinen zu einer zumindest moderaten Aussöhnung von
Unternehmern hierzulande mit dem christ- wie sozialdemokratisch 
eingefärbten Sozialstaatsmodell des "Rheinischen Kapitalismus" 
geführt zu haben. 
   - Sozialdemokraten und Gewerkschafter werden nicht mehr als 
bedrohliche Feinde im Lager der Unternehmer empfunden. Gerhard 
Schröder und seine Agenda 2010 gelten vielmehr als Vorbilder 
außergewöhnlichen politischen Muts. Und den Gewerkschaften hält man 
zugute, die Bedeutung der industriellen Produktion für den 
gesellschaftlichen Wohlstand zu erkennen, was für viele soziale und 
politische Kräfte ansonsten bedauerlicherweise nicht mehr zuträfe. 
   - Auffällig ist das verbreitete Gefühl zahlreicher 
Wirtschaftsbürger, politisch keine Heimat mehr in der Bundesrepublik 
zu besitzen. Trotz aller Unzufriedenheit mit dem oft unseriösen 
Auftritt der FDP in der Ära Westerwelle bedauern zahlreiche 
Unternehmer, dass die Liberalen nicht mehr im Deutschen Bundestag 
vertreten sind. Mit Argwohn verfolgen viele den 
"sozialdemokratischen" Kurs der CDU/CSU in der Großen Koalition. 
Verbreitet ist die Kritik an der politischen Unschärfe und 
programmatischen Indifferenz der Bundeskanzlerin Angela Merkel. 
   - Bemerkenswert und für die sog. vierte Gewalt alarmierend ist die
an Schärfe kaum zu überbietende Klage des Gros der deutschen 
Unternehmer über die Medien im Land. Bitterkeiten über die 
"skandalisierende" und "pauschalisierende" Berichterstattung - den 
"Hetzjagden" - in den Medien bilden somit kein Spezifikum 
verängstigter und populistisch aufgewiegelter "Wutbürger" in von 
Abstiegsängsten geschüttelten Mittelschichten (des ostsächsischen 
Raums), sondern sind ebenso massiv im Sektor der wirtschaftlichen 
Eliten Deutschlands verbreitet. 
   - Auch findet man unter den wirtschaftlichen Führungskräften ein 
beträchtliches Unbehagen am Prozess der Willensbildung in unserer 
parlamentarischen Demokratie. Vieles dauert ihnen zu lange, ist zu 
sehr auf schlechte Kompromisse ausgerichtet, zu wenig am 
(vermeintlichen) Optimum "sachrationaler" Erfordernisse bemessen. 
Doch ist dem Gros der Wirtschaftskapitäne das repräsentative System 
weit lieber als eine Referendumsdemokratie. Denn direktdemokratische 
Verfahren nähren nach Auffassung von Unternehmern die Irrationalität 
und Sprunghaftigkeit der in der Regel nicht hinreichend kompetenten 
Massen. Unternehmer stehen der Volkssouveränität als primäre 
Legitimationsquelle moderner demokratischer Ordnungen überwiegend mit
Skepsis gegenüber. Wichtig dagegen ist ihnen der Rechtsstaat, da er 
der Wirtschaft berechenbare Grundlagen und Rahmenbedingungen 
garantiert. 
   - Totalitäre Diktaturen bedeutet demgegenüber Willkür. Schon aus 
diesem Grunde sind Unternehmer, im Unterschied zu den frühen 
Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, keine Freunde solcher Systeme. Doch
fürchten nicht wenige, dass etwa China, aufgrund der autoritativen 
Möglichkeiten rascher und stringenter politischer Entscheidungen, in 
der Konkurrenz mit den politisch eher trägen Demokratien in Zukunft 
die Nase vorn haben könnte. Im Blick auf China dokumentieren sich in 
den Auskünften zahlreicher Unternehmer Distanz und Faszination, 
Ablehnung und Neugierde zugleich. Sollten nicht-demokratische 
Gesellschaften eine anhaltend größere wirtschaftliche Dynamik 
entfalten als die Demokratien im Westen, wäre eine emphatische 
Diskussion über einen modernen Kapitalismus mit weniger Demokratie 
bei allerdings stabiler und auch transnational konstituierter 
Rechtsstaatlichkeit gewiss nicht ausgeschlossen. 
   - Unternehmer sind mehrheitlich keine Freunde von 
Geschlechterquoten. Das gilt im Übrigen für männliche wie weibliche 
Führungskräfte in der Wirtschaft gleichermaßen. Ebenfalls auf wenig 
Sympathie stößt bei ihnen die Rentenpolitik des Kabinetts Merkel - 
Gabriel. Hingegen löst der Mindestlohn bei den Chefs großer 
Unternehmen keine Emotion negativer Art aus, während in kleineren 
Familienunternehmen dieses Projekt aus dem Hause von Andrea Nahles 
auf sehr viel weniger Gegenliebe stößt. 
   - Die oft unterstellte Internationalität der Unternehmer ist 
keineswegs so stark ausgeprägt, wie sie in vielen Selbstdarstellungen
propagiert wird. Bei den meisten fielen die Auslandsaufenthalte 
biografisch lediglich knapp limitiert, eher episodisch aus. Nicht 
internationale Mobilität, sondern betriebliche Verwurzelungen, Treue 
und Loyalität begünstigen weiterhin ganz überwiegend die Karriere. 
   - Vorbei scheint die Phase der Industriegeschichte zu sein, in der
ursprüngliche soziale oder kulturelle Benachteiligungen eine 
Triebfeder für die individuellen Anstrengungen des Aufstiegs an die 
Spitze von Unternehmen bildete. Die ökonomischen Eliten erzählen in 
ihrer großen Majorität von intakten Lebensgeschichten ohne 
gravierende Brüche und Widerstände. Innerhalb des Lagers des 
deutschen Wirtschaftsbürgertums scheint das derzeit zumindest bei 
Teilen zu der Sorge zu führen, dass dem Führungsnachwuchs elementare 
Energien und auch Härten in künftigen Zeiten schroffer Konflikte 
fehlen mögen. 

Forschungsdesign und Methodik

Im Rahmen der Studie führte ein neunköpfiges Forscherteam zwischen September 2013 und August 2014 160 teilstrukturierte Einzelinterviews und drei moderierte Fokusgruppen mit Managern durch. Darunter waren Konzernlenker, Geschäftsführer von Familienunternehmen oder mittelständischen Betrieben. Unter den Befragten befanden sich Männer und Frauen, Vertreter aller Branchen sowie alle Altersklassen vom 30-jährigen Jungunternehmer bis zum 70-jährigen Vorstandsvorsitzenden. Es konnten mit der sonst zurückhaltenden Wirtschaftselite sehr offene Gespräche gelingen, da die Interviewpartner im Rahmen der Studie nicht bekannt gegeben und die Gespräche anonym ausgewertet werden. Für die Analyse der Interviews und Fokusgruppen wurden zusätzlich Experteninterviews mit Wirtschaftspolitikern oder Verbandsvertretern, Forschungsliteratur und Reportagen herangezogen.

Die Studie wurde gefördert von der BP Europa SE. Die Studie ist ab 27. März 2015 im Buchhandel erhältlich. Franz Walter / Stine Marg (Hg.) "Sprachlose Elite? Wie Unternehmer Politik und Gesellschaft sehen" Rowohlt Hardcover, 352 Seiten, 16,95 EUR, ISBN: 978-3-498-042134

Hinweis für Radio- und Onlineredaktionen:

Mit unserer Pressemitteilung erhalten Sie ein Interview sowie O-Töne von Dr. Stine Marg vom Göttinger Institut für Demokratieforschung zu Ihrer Verwendung. Darin fasst die Mitherausgeberin der 2. BP-Gesellschaftsstudie die Kernergebnisse der Untersuchung zusammen. Alle Audiodateien stehen in höherer Qualität unter folgendem Link zum Download für Sie bereit: http://bp-dateiserver.de/downloads/bp_studie_audio.zip

Rückfragen bei:


Britta Kopfer - BP Europa SE,
Tel: +49 (0) 234 315 5362

Stine Marg - Göttinger Institut für Demokratieforschung,
Tel: +49 (0) 551 391 70116

Nora Gottschalk - Rowohlt Verlag
Tel: +49 (0) 40 727 2359
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