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Weser-Kurier: Zum MH17-Abschuss schreibt Joerg Helge Wagner:

Bremen (ots) - Was für eine aberwitzige Geschichte! Mit viel Getöse präsentiert das "Investigativ-Team" der "Süddeutschen Zeitung", des NDR und des WDR nun seine Erkenntnisse zum Abschuss des malaysischen Verkehrsflugzeugs im vorigen Juli über der östlichen Ukraine: In einem "vertraulichen Drahtbericht" habe das Auswärtige Amt schon zwei Tage zuvor gewarnt, dass die Region für Flugzeuge gefährlich sei. Und auch der Bundesnachrichtendienst habe dies "mehrfach in seinen täglichen Berichten mitgeteilt". Donnerwetter, da hatten die investigativen Kollegen wohl tiefen Einblick in die Welt der Staatsgeheimnisse! Und dann hat es die doofe Bundesregierung versäumt, diese hochbrisanten Erkenntnisse der Lufthansa mitzuteilen - Skandal! Mal ernsthaft, liebe medial Erregte: Wer Mitte Juli 2014 noch irgendwelche Zweifel daran hatte, dass der Luftraum über der Ostukraine Kriegsgebiet und damit entsprechend gefährlich war, muss taubblinder Analphabet gewesen sein. Im Wochenrhythmus wurden dort zumeist ukrainische Hubschrauber und Flugzeuge abgeschossen. Spätestens seit dem 14. Juli war klar, dass die Separatisten oder deren russische Unterstützer auch hochfliegende Maschinen erwischen konnten. Dazu brauchte man keine "vertraulichen Drahtberichte" - Zeitunglesen, Radiohören oder Fernsehen reichte völlig. Am selben Abend fasste die Deutsche Presse-Agentur zum Abschuss einer militärischen An-26 die Aussage des ukrainischen Verteidigungsministers zusammen: Die Maschine sei in 6500 Meter Höhe "von einer starken Rakete getroffen" worden. Solche frei zugänglichen Informationen hätten also durchaus in jene täglichen Risikobewertungen einfließen können, die Lufthansa oder Malaysia Airlines erstellen. Andere hatten schließlich längst Konsequenzen gezogen - auch ohne Nachhilfe durch die Bundesregierung: Air Berlin, Air France, British Airways, Korean, Quantas mieden die Ostukraine. Sie gaben auch nichts darauf, dass die Ukraine selbst ihren Luftraum nur zum Teil gesperrt hatte. Man wog einfach verantwortungsvoll die offenliegenden Fakten ab. Unangenehm an der aktuellen Berichterstattung ist ihre aufgeblasene Scheinheiligkeit. Eine Schuldzuweisung zum jetzigen Zeitpunkt sei "unseriös", heißt es - dabei weist man selber munter Schuld zu. Natürlich nicht den Separatisten, von deren Terrain aus die Rakete, die Russland geliefert hatte, abgefeuert worden ist. So zumindest die wirklich investigativen Recherchen, welche die Agentur correctiv bereits Anfang Januar vorgelegt hat. Nun aber zeigt der Finger auf die Regierungen in Berlin und Kiew: die eine pflichtvergessen, die andere zu gierig, um auf Überfluggebühren zu verzichten. Das aber ist keine Aufklärung, das ist der Verlust von Maßstäben angesichts 300 getöteter Zivilisten.

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