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Börsen-Zeitung: Vertrauensfrage China, Marktkommentar von Dietegen Müller

Frankfurt (ots) - Das Reich der Mitte ist dieser Tage wieder einmal geeignet gewesen, Kursreaktionen am Aktienmarkt zu begründen - mal in die eine, mal in die andere Richtung. Politische Risiken scheinen etwas in den Hintergrund getreten zu sein. Mag sein, dass das Thema US-Wahl schon zu abgedroschen ist, mag sein, dass anstehende Entscheide in Europa - Referendum über die Verfassungsreform in Italien, Aufnahme der Brexit-Verhandlungen, Haltung zum Syrien-Krieg - mental noch in zu großer Entfernung liegen.

Am Donnerstag standen die Aktienkurse jedenfalls unter Druck, weil die Außenhandelsdaten Chinas viel schlechter als von Ökonomen erwartet ausgefallen waren. Sowohl der Export - gerade nach Europa - als auch die Einfuhren waren im September viel schwächer. Reflexartig die Reaktion: Es steht um die wenig transparente Volkswirtschaft doch schlimmer als befürchtet, der Umbau zu einer vom Konsum getriebenen Wirtschaft scheint zu stocken.

Tags darauf das umgekehrte Bild: Ein Anstieg der Produzentenpreise von 0,1 Prozent gegenüber der entsprechenden Vorjahresperiode wurde am Markt begrüßt, da Ökonomen mit einem weiteren Minus gerechnet hatten. Erstmals seit über vier Jahren würden die Zahlen nun ein Anzeichen liefern, dass die Deflation in der Industrie ein Ende gefunden haben könnte. Dies mindert Sorgen, wonach sich die Kreditqualität im Unternehmenssektor weiter verschlechtern wird, weil die Unternehmen nicht in der Lage sind, ihre Ertragslage zu verbessern. Noch vor einigen Jahren übrigens sorgten sich die Märkte um eine zu starke Inflation in China.

Die Schlüsse, welche die Ratingagentur S&P nun zur Verschuldungsproblematik zieht, sind beunruhigend. Würde sich das Wachstum der Unternehmensschulden nicht verlangsamen, dürften sich die Problemkredite in den Bilanzen chinesischer Banken verdreifachen. Die Banken müssten dann in einem ungünstigen Szenario bis zu 1,7 Bill. Dollar frisches Kapital aufnehmen, was rund 16 Prozent des Bruttosozialprodukts entspräche, so S&P. Im Basisszenario gehen die Bonitätswächter nur von einem Kapitalbedarf von 0,5 Bill. Dollar aus, eine Summe, die aus eigener Kraft zu stemmen wäre.

In den nächsten Jahren wird sich entscheiden, ob sich das Schuldenproblem kontrollieren lässt oder nicht. Die Kreditqualität verschlechtert sich aber schon seit Jahren und liegt in einem Sample von 1943 Unternehmen laut S&P nun deutlich im "aggressiven" Bereich. Die Frage ist, welche Anstrengungen die chinesische Regierung unternimmt, um Schieflagen zu vermeiden. Berichte, wonach Chemchina mit Sinochem fusionieren soll, müssen erst noch eingeordnet werden. Laut dem chinesischen Wirtschaftsmedium "Caixin" soll Chemchina aggressiv finanziert und verlustträchtig sein und angeblich Schwierigkeiten bekundet haben, die Mittel für den Kauf des Saatgutkonzerns Syngenta aufzubringen.

Auch die Kapitalabflüsse werden wieder ein Thema. Laut dem Kreditspezialisten Creditsights haben sie sich im September auf den höchsten Stand seit Januar ausgeweitet, liegen aber noch weit unter den Summen, die Mitte 2015 abgeflossen sind. Auch sind Spekulationen über eine Abwertung der chinesischen Währung wieder hochgekommen, was international die Sorge vor einem Preiskampf - Analysten sprechen von Deflationsexport - weckt.

Um China kommt heute aber niemand mehr herum, die ausländischen Investitionen summieren sich inzwischen laut Creditsight auf 3000 Mrd. Dollar, und dies ohne Positionen aus den Devisenreserven. Die heftigen Reaktionen an den Märkten auf überraschende Nachrichten aus China sind also nachvollziehbar.

Anekdotische Gespräche mit Fondsmanagern zeigen, dass eher eine abwartende Haltung gegenüber chinesischen Anlagen eingenommen wird - dies, obwohl sich das Land um eine Öffnung des Kapitalmarkts bemüht. Zugleich fehlt das Vertrauen in die Reformbemühungen der Regierung, weil das Ziel eines Wirtschaftswachstums von 6,5 Prozent bis 2020 sehr hoch gegriffen ist. Hinzu kommen die im Vergleich zum Westen niedrigeren Corporate-Governance-Standards und die fehlende Transparenz, die aus womöglich rein ökonomischen Fragen eine Vertrauensfrage machen. Hier müsste sich das Land bewegen, um seiner Bedeutung gerecht zu werden.

Für die Investoren wird China auf der Liste möglicher Risiken für die Kursentwicklung wieder weiter nach oben rücken. Dies gilt auch für Unternehmen mit hohem China-Anteil etwa in Europa wie in der Halbleiterindustrie mit Dialog Semiconductor, NXP oder Infineon oder für Exportunternehmen aus den Branchen Auto, Uhren und Luxus wie Richemont, Swatch, BMW, Volkswagen oder eine Adidas.

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