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Neue Westfälische (Bielefeld): KOMMENTAR Diskussion um Feiertagsruhe Mehr Toleranz wagen MATTHIAS BUNGEROTH

Bielefeld (ots) - Das Osterfest soll eine Freudenzeit von fünfzig Tagen einleiten, die bis Pfingsten dauert. Denn dem Neuen Testament zufolge begehen wir an diesem Wochenende die Auferstehung Jesu Christi, der der Bibel zufolge als Sohn Gottes den Tod überwunden hat. Doch von christlich motivierter Feierstimmung ist mancherorts nicht viel zu spüren. In Politik und Gesellschaft regt sich Widerstand gegen das Beibehalten christlicher Bräuche. So nimmt Sven Lehmann, Grünenchef in NRW, die gesetzliche Ruhe am Karfreitag ins Visier. Christen dürften den anderen nicht vorschreiben, wie sie diesen Tag zu verbringen hätten, sagt er. Sigrid Beer, im Februar erst ins Leitungsgremium der Evangelischen Kirche von Westfalen gewählte Grünen-Politikerin aus Paderborn, sagt hingegen, man brauche den Karfreitag als stillen Feiertag, an dem man auf sich selbst zurückgeworfen werde. Lehmann will zwar das Feiertagsgesetz in NRW nicht ändern, aber eine Diskussion anstoßen. Die deutsche Gesellschaft sei nicht nur christlich geprägt, argumentiert er. Ein Verbot von Unterhaltungsveranstaltungen am Karfreitag passe nicht mehr in die Zeit. Doch auch Lehmann sollte Respekt vor jenen rund 50 Millionen Menschen in Deutschland haben, die sich nach wie vor als Gläubige zu einer der beiden großen christlichen Kirchen bekennen. Für sie ist der Karfreitag, jener Tag, an dem des Kreuzestodes Jesu Christi gedacht wird, einer der höchsten kirchlichen Feiertage im Jahr - und eben auch ein stiller Feiertag. Niemand vergibt sich in einem Land mit christlich-abendländischer Geschichte etwas, dies zu respektieren. Davon sind die Rechte religiöser Minderheiten oder atheistischer Gesellschaftsschichten selbstverständlich unberührt. Denn privat kann jeder tun und lassen, was er will. Aber es schadet nichts zu wissen, aus welchen kulturellen und religiösen Hintergründen sich bestimmte Sitten, Gebräuche und eben Feiertage entwickelt haben. Eine hitzige Debatte erleben wir auch in Mecklenburg-Vorpommern. Dort gelten in 96 Urlaubsorten neue Geschäftszeiten an Sonntagen. Um die Zeit des Kirchgangs zu berücksichtigen, dürfen dort die Geschäfte nur noch von 13 bis 18 statt wie vorher von 11 bis 18 Uhr öffnen. Der Einzelhandel sieht einen Umsatzverlust von 200 Millionen Euro pro Jahr. Doch auch nichtkirchliche Feiertage sehen sich infrage gestellt. So brachte der für den 1. Mai angesetzte "Brackweder Frühling", der dem Bielefelder Stadtteil einen verkaufsoffenen Sonntag beschert, NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider auf die Palme. "Das wäre der erste verkaufsoffene Tag der Arbeit in NRW", polterte er und verwies auf den Verfassungsrang, den dieser Feiertag der Arbeiterbewegung im größten Bundesland genießt. So könnte das Osterfest anno 2011 ein Signal sein, die Gedankenlosigkeit zu beenden, mit der manch einer glaubt, kulturelle und religiöse Traditionen mit einem Federstrich vom Tisch wischen zu müssen. Reden indes kann man über alles - mit der nötigen Toleranz.

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