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Neue Westfälische (Bielefeld): Rettung der verschütteten Bergleute in Chile Licht und Schatten NICOLE HILLE-PRIEBE

Bielefeld (ots) - Chile feiert die Rettung der 33 Bergleute als Volksfest - und die ganze Welt feiert mit. "Chi Chi Chi - Le Le Le", hallt das euphorische Stakkato aus San José hinaus in die Welt. Der Ruf wird von Fernsehkameras aufgezeichnet, getwittert und im Internet verbreitet, Liveticker senden minütlich die bewegenden Szenen, die sich in der Atacama-Wüste abspielen. Die Rettung der Männer ist spektakulär, aber ein Wunder ist sie nicht - auch kein modernes, wie Guido Westerwelle sagt. Wunder geschehen im Kopf, nicht unter Tage. Dort geht es knallhart zu, wie wir mittlerweile wissen. Es ist auch kein Wunder, dass die Männer überlebt haben, sondern das Resultat ihrer eisernen Disziplin. Nüchtern betrachtet ist die Rettung das Ende eines Dramas, einer von menschlichem Versagen, Ignoranz und wirtschaftlichem Kalkül ausgelösten Katastrophe, die sich jeden Tag wiederholen kann. Die Euphorie über das glückliche Ende des Grubenunglücks darf das Schicksal der vielen Kumpel, die tot oder schwer verletzt aus maroden Minen weltweit kommen, deshalb nicht verdrängen. "Es ist unglaublich, dass wir mehr als 600 Meter unter der Erde waren und sie in der Lage waren, uns zu retten", sagte Medienliebling Mario Sepúlveda in seinem ersten Interview. Und dann nutzte der als "Star wider Willen" gefeierte Bergmann seine Chance, auf die Arbeitsbedingungen in den chilenischen Minen aufmerksam zu machen. Gesetzliche Standards werden selten eingehalten, häufig fehlen Schutzräume und Fluchtwege, die hygienischen Verhältnisse ähneln nicht selten denen vor 100 Jahren. Experten zufolge sollen mehr als 200 chilenische Bergbaubetriebe ohne minimale Sicherheitsvorkehrungen operieren. Immer offensichtlicher wird das Sicherheitsproblem in Chiles Minensektor, der nach dem Grubenunglück in der Mine San José mehr denn je in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist. Denn das Drama nahm seinen Lauf, als die verschütteten Bergleute nur wegen einer fehlenden Leiter am Lüftungsschacht nicht rechtzeitig ins Freie gelangen konnten. Chile ist aus dem Bergbau entstanden. Auf ihrer Suche nach Gold zogen die Konquistadoren durch die Wüste, gründeten die ersten Städte und schickten Männer tief unter die Erde, wo sie ihr Leben bald auch für Eisen, Kupfer, Kohle und Salpeter aufs Spiel setzen sollten. In der 150-jährige Bergbaugeschichte des heute größten Kupferproduzenten der Welt sind die Minen zu einem Sinnbild für Wohlstand auf der einen Seite, Unterdrückung und Ausbeutung auf der anderen geworden. Es heißt, wer in Chile in einen Stollen fährt, weiß, dass der Tod jedes Mal mitfährt. Die Männer von San José sind ihm noch einmal von der Schippe gesprungen. Sie haben Dunkelheit, Angst und Verzweiflung ertragen - und stehen jetzt womöglich auch noch vor dem finanziellen Ruin, weil der Minenbetreiber Pleite ist. Bleibt zu wünschen, dass die Erinnerung an das Erlebte nicht zum Trauma für die Bergleute wird, deren langer Weg zurück ins Leben gerade erst begonnen hat.

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