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11.12.2008 – 14:26

Landeszeitung Lüneburg

Landeszeitung Lüneburg: ,,Klimawende ist das Gebot der Stunde" -- Interview mit dem B.A.U.M.-Mitbegründer und Umweltberater Prof. Dr. Maximilian Gege

    Lüneburg (ots)

Während auf dem EU-Gipfel eine Verwässerung der Klimaschutzziele droht und die UN-Klimakonferenz wegen des Fehlens einer handlungsfähigen US-Delegation auf der Stelle tritt, wirbt der Umweltberater Prof. Dr. Maximilian Gege, B.A.U.M.-Mitbegründer, für sein Konzept eines ökologischen Wirtschaftswunders. Bundestagsabgeordneten, Bürgermeistern und Industriekapitänen stellt er seine Vision vor: Ein Zukunftsfonds, der fünf Prozent Zinsen auf Einlagen garantiert und Investitionen in Energieeffizienzmaßnahmen finanziert. Die Hälfte der eingesparten Energiekosten fließt zurück in den Fonds. Prof. Gege: "Die Zeit ist reif für eine umfassende Strategie."

    Sind wir schon unterwegs zu einem ökologischen Wirtschaftswunder oder müssen wir uns erst auf den Weg machen? Prof. Maximilian Gege: Wir sind noch nicht richtig gestartet, also müssen wir uns auf den Weg machen. Bedenkt man, dass in der Finanzkrise 16000 Milliarden Euro versenkt wurden, wird klar, welches Kapital uns zur Verfügung gestanden hat. Ein Bruchteil davon hätte für ein ökologisches Wirtschaftswunder gereicht, nach meinen Berechnungen 200 bis 300 Milliarden Euro.

    Viele Politiker wollen wegen der Wirtschaftskrise die Ökoauflagen für Autokonzerne kippen, beim EU-Gipfel droht die Aufweichung der Klimaziele. Sind die Bekenntnisse zum Jobpotenzial der Ökologie nur Sonntagsreden? Prof. Gege: Das ist eine Frage der mangelnden Einsicht in komplexe Zusammenhänge bei den entsprechenden Politikern. Die Klimaproblematik wird uns vor Herausforderungen stellen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Insofern ist eine umfassende Klima-Vorsorge-Strategie das absolute Gebot der Stunde. Es gibt Branchen, die gewinnen enorm durch Nachhaltigkeitsstrategien. Dazu kann auch die Automobilbranche gehören: Kleinere Autos und geringerer Spritverbrauch schmälern zwar die Wertschöpfungskette, bringen aber große neue Absatzpotenziale weltweit und massive CO2-Einsparungen. Unser Ansatz geht auch dahin, im Bereich Bauen durch Dämmung und alternative Energien mehr Jobs zu schaffen als wir in anderen Bereichen -- etwa bei den Autokonzernen -- verlieren werden. Wir haben 14 Millionen alte Häuser in Deutschland, von denen 12 Millionen sanierungsbedürftig sind. Würden die Hausbesitzer die Aufträge für neue Fenster, effiziente Dämmungen und Heiztechnik an Handwerker vergeben und die Hälfte der Energieersparnis in einen Fonds zurückzahlen, der diese Maßnahmen finanziert, wird das Wirtschaftswunder gestartet und zudem das Klima geschont. Statt Flickwerk braucht Deutschland einen umfassenden Energieeffizienzplan, der alle Faktoren umfasst.

    Weltweit betteln Autoriesen um staatliche Hilfe, weil sie ihre Spritschlucker nicht mehr los werden. Fehlt es den Unternehmen nicht nur an Bewusstsein für eine effizientere Produktion, wie Sie diagnostizierten, sondern auch am Willen, ,,grüne Produkte" herzustellen? Prof. Gege: An diesem Punkt muss man auch die Verbraucher in den Blick nehmen. Wäre die Nachfrage nach starken PS-Autos geringer und die nach Hybridfahrzeugen und spritsparenden bzw. Elektro-Autos höher, hätten die Automobilgiganten längst umgeschwenkt. Letztlich müssen wir alle bescheidener werden. Wir brauchen neue Lebens- und Konsumstile, wenn der Planet überleben soll.

    Kann diese neue Bescheidenheit noch durch Überzeugung erlangt werden oder verlangt der Klimakollaps nach Zwangsmaßnahmen? Prof. Gege: Wir haben noch etwa 30 Jahre Zeit für die Anpassung. Und da Anzeichen für einen Bewusstseinswandel überall festzustellen sind, bin ich noch optimistisch. Im Bereich erneuerbare Energien entstanden in Deutschland 250000 Jobs. Sollte der Staat Konjunkturprogramme lieber in diesem zukunftsträchtigen Bereich inves"tieren? Prof. Gege: Selbstverständlich. Würde der Staat Milliarden Euro in die Hand nehmen, um alternative Energien und Effizienzsteigerungsprogramme zu fördern, statt Kohle, Atom usw. zu finanzieren, wäre das wirklich zukunftsträchtige Politik. Hier schlummert Potenzial in einem Volumen von mehreren 100 Milliarden Euro. Investiere ich hier, schaffe ich sichere Arbeitsplätze und mindere die Abhängigkeit von Öl und Gas.

    Kritiker monieren, dass erneuerbare Energien ohne staatliche Beihilfen nicht marktfähig werden. Haben sie Recht? Prof. Gege: Ja, ohne Subventionen hätte man Solarenergie oder Windkraft nicht auf den Markt gebracht. Aber hier zählt die langfristige Perspektive: Die Anschubfinanzierung bekommt der Staat letztlich zurück über höhere Steuereinnahmen, die ihm erfolgreiche Unternehmer und in Lohn und Brot befindliche Arbeitnehmer verschaffen. Zudem sind die erneuerbaren Energien irgendwann so effizient, dass sie keiner Förderung mehr bedürfen. Anders als etwa die Atomindus"trie, die nach wie vor am staatlichen Tropf hängt. Werden aber alle Energieeffizienz- und Einsparpotenziale genutzt, brauche ich keine Atomenergie mehr und erspare mir das Entsorgungsproblem.

    In Ihrem Konzept soll eine "Zukunftsanleihe", eine Art Öko-Soli der Bürger, eine Klima-Offensive tragen. Ist der Klimawandel nicht zu dramatisch, um noch auf Freiwilligkeit zu setzen? Prof. Gege: Mag sein, aber als Marktwirtschaftler versuche ich lieber, gemeinsam mit allen etwas zu bewegen. Die Zukunftsanleihe appelliert aber nicht in erster Linie an den Gemeinsinn -- ist also kein "Soli" -- sondern an das Gewinnstreben. Die Bürger legen ihr Geld im Zukunftsfonds an wie auf dem Sparbuch, nur dass sie hier fünf Prozent Zinsen garantiert kriegen. Der Fonds gibt jedem Geld, der energieeffiziente Maßnahmen durchführen will. Von den Einsparungen zahlt der Bürger beziehungsweise die Unternehmen die Hälfte in den Fonds zurück. Ein wunderbar einfaches System, das Arbeitsplätze in Handwerk und produzierendem Gewerbe schafft. Zudem hat der Anleger das gute Gefühl, dass sein Geld zur Energie- und CO2-Einsparung beiträgt.

    Richtet sich der Zukunftsfonds nur an den Bürger oder auch an Unternehmen? Prof. Gege: Er steht allen offen -- in erster Linie zwar den Bürgern, aber auch der Indus"trie und Stiftungen. Je mehr Kapital zusammenkommt, desto massiver kann man dem Klimawandel begegnen.

    Sinkende Spritpreise gaukeln die Unendlichkeit fossiler Ressourcen vor. Schläft in der Krise die Bereitschaft zur Energiewende ein? Prof. Gege: Hoffen wir es nicht. Denn in der Tat wird der Überfluss nur vorgegaukelt. In 40, spätestens 50 Jahren wird die Nachfrage nach Öl viel größer als das Angebot. Statt sechs Milliarden Menschen werden dann neun Milliarden Ressourcenhunger haben. Neue große Ölfelder werden aber schon seit längerem nicht mehr gefunden.

    Größere Energieeffizienz und dezentrale Blockheizkraftwerke mindern die Profite der Stromkonzerne. Blockieren sie deshalb eine Energiewende? Prof. Gege: Ja, hier ist eine Liberalisierung des Energiemarktes durch eine Freigabe der Netze überfällig. Bisher haben wir ein Oligopol von vier starken Anbietern, die sich den Markt aufteilen. Das muss aufgebrochen werden. Gelingt dies, wie zum Beispiel im Telekommunikationsmarkt, würden die Energiekosten fallen. Warum müssen die Energieversorger ihre Milliardengewinne jedes Jahr noch steigern? Begründet wird dies mit den Investitionen in neue Kohlekraftwerke samt CO2-Abscheidung. Allerdings ist diese Technologie überflüssig, wenn man massiv in Energieeffizienz und Erneuerbare Energien investiert. Und wer sich dort Kompetenzen aneignet, besteht auch auf den neuen Märkten in Osteuropa und Asien, deren Nachfrage nach neuer Umwelttechnologie wächst.

    Nicht jeder Standort ist für jede erneuerbare Energie geeignet. Braucht Europa ein entsprechendes Management? Prof. Gege: Ja, die strategische Verteilung von Sonnen- und Windenergieprojekten oder dem Anbau von Energiepflanzen kann man nicht dem Markt überlassen. Entsprechend hat die EU auch ihre Klimastrategie formuliert: Die einzelnen Staaten bekommen zwar Vorgaben für die CO2-Reduktion, aber es ist ihnen überlassen, wie sie diese erfüllen. Die größten Potenziale für den Ausbau der Solarenergie liegen natürlich in Südeuropa. Mit einem Bruchteil des in der Finanzkrise verbrannten Kapitals hätte man gigantische Solarkraftwerke in der Sahara bauen können, die ihren Strom über Leitungsnetze nach Westeuropa transportieren.

    Kann Deutschland ein ökologisches Wirtschaftswunder gegen konkurrierende Nationen gelingen, die Profite auf Kosten der Umwelt erzielen? Prof. Gege: Selbstverständlich. Die Verfolgung einer ambitionierten Klimastrategie samt Zukunftsfonds würde sich für Deutschland als Standortvorteil erweisen. Denn die Sanierung aller Privat- und öffentlichen Gebäude, die Optimierung der Produktionsprozesse, der Einsatz energieeffizienter Geräte, Pumpen, Motoren, Druckluft, Beleuchtung usw. sowie die Durchsetzung eines nachhaltigen Mobilitätskonzeptes mit einem attraktiven Nahverkehrsangebot könnte unseren Bedarf an fossilen Brennstoffen in den kommenden zehn Jahren um 50 Prozent verringern. Der entscheidende Punkt ist: Wir müssen es anpacken. Wir müssen den Willen haben, eine entschiedene Klimawende herbeizuführen.

    Das Interview führte Joachim Zießler

Pressekontakt:
Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
werner.kolbe@landeszeitung.de

    Lüneburg Während auf dem EU-Gipfel eine Verwässerung der Klimaschutzziele droht und die UN-Klimakonferenz wegen des Fehlens einer handlungsfähigen US-Delegation auf der Stelle tritt, wirbt der Umweltberater Prof. Dr. Maximilian Gege, B.A.U.M.-Mitbegründer, für sein Konzept eines ökologischen Wirtschaftswunders. Bundestagsabgeordneten, Bürgermeistern und Industriekapitänen stellt er seine Vision vor: Ein Zukunftsfonds, der fünf Prozent Zinsen auf Einlagen garantiert und Investitionen in Energieeffizienzmaßnahmen finanziert. Die Hälfte der eingesparten Energiekosten fließt zurück in den Fonds. Prof. Gege: "Die Zeit ist reif für eine umfassende Strategie."

    Sind wir schon unterwegs zu einem ökologischen Wirtschaftswunder oder müssen wir uns erst auf den Weg machen? Prof. Maximilian Gege: Wir sind noch nicht richtig gestartet, also müssen wir uns auf den Weg machen. Bedenkt man, dass in der Finanzkrise 16000 Milliarden Euro versenkt wurden, wird klar, welches Kapital uns zur Verfügung gestanden hat. Ein Bruchteil davon hätte für ein ökologisches Wirtschaftswunder gereicht, nach meinen Berechnungen 200 bis 300 Milliarden Euro.

    Viele Politiker wollen wegen der Wirtschaftskrise die Ökoauflagen für Autokonzerne kippen, beim EU-Gipfel droht die Aufweichung der Klimaziele. Sind die Bekenntnisse zum Jobpotenzial der Ökologie nur Sonntagsreden? Prof. Gege: Das ist eine Frage der mangelnden Einsicht in komplexe Zusammenhänge bei den entsprechenden Politikern. Die Klimaproblematik wird uns vor Herausforderungen stellen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Insofern ist eine umfassende Klima-Vorsorge-Strategie das absolute Gebot der Stunde. Es gibt Branchen, die gewinnen enorm durch Nachhaltigkeitsstrategien. Dazu kann auch die Automobilbranche gehören: Kleinere Autos und geringerer Spritverbrauch schmälern zwar die Wertschöpfungskette, bringen aber große neue Absatzpotenziale weltweit und massive CO2-Einsparungen. Unser Ansatz geht auch dahin, im Bereich Bauen durch Dämmung und alternative Energien mehr Jobs zu schaffen als wir in anderen Bereichen -- etwa bei den Autokonzernen -- verlieren werden. Wir haben 14 Millionen alte Häuser in Deutschland, von denen 12 Millionen sanierungsbedürftig sind. Würden die Hausbesitzer die Aufträge für neue Fenster, effiziente Dämmungen und Heiztechnik an Handwerker vergeben und die Hälfte der Energieersparnis in einen Fonds zurückzahlen, der diese Maßnahmen finanziert, wird das Wirtschaftswunder gestartet und zudem das Klima geschont. Statt Flickwerk braucht Deutschland einen umfassenden Energieeffizienzplan, der alle Faktoren umfasst.

    Weltweit betteln Autoriesen um staatliche Hilfe, weil sie ihre Spritschlucker nicht mehr los werden. Fehlt es den Unternehmen nicht nur an Bewusstsein für eine effizientere Produktion, wie Sie diagnostizierten, sondern auch am Willen, ,,grüne Produkte" herzustellen? Prof. Gege: An diesem Punkt muss man auch die Verbraucher in den Blick nehmen. Wäre die Nachfrage nach starken PS-Autos geringer und die nach Hybridfahrzeugen und spritsparenden bzw. Elektro-Autos höher, hätten die Automobilgiganten längst umgeschwenkt. Letztlich müssen wir alle bescheidener werden. Wir brauchen neue Lebens- und Konsumstile, wenn der Planet überleben soll.

    Kann diese neue Bescheidenheit noch durch Überzeugung erlangt werden oder verlangt der Klimakollaps nach Zwangsmaßnahmen? Prof. Gege: Wir haben noch etwa 30 Jahre Zeit für die Anpassung. Und da Anzeichen für einen Bewusstseinswandel überall festzustellen sind, bin ich noch optimistisch. Im Bereich erneuerbare Energien entstanden in Deutschland 250000 Jobs. Sollte der Staat Konjunkturprogramme lieber in diesem zukunftsträchtigen Bereich inves"tieren? Prof. Gege: Selbstverständlich. Würde der Staat Milliarden Euro in die Hand nehmen, um alternative Energien und Effizienzsteigerungsprogramme zu fördern, statt Kohle, Atom usw. zu finanzieren, wäre das wirklich zukunftsträchtige Politik. Hier schlummert Potenzial in einem Volumen von mehreren 100 Milliarden Euro. Investiere ich hier, schaffe ich sichere Arbeitsplätze und mindere die Abhängigkeit von Öl und Gas.

    Kritiker monieren, dass erneuerbare Energien ohne staatliche Beihilfen nicht marktfähig werden. Haben sie Recht? Prof. Gege: Ja, ohne Subventionen hätte man Solarenergie oder Windkraft nicht auf den Markt gebracht. Aber hier zählt die langfristige Perspektive: Die Anschubfinanzierung bekommt der Staat letztlich zurück über höhere Steuereinnahmen, die ihm erfolgreiche Unternehmer und in Lohn und Brot befindliche Arbeitnehmer verschaffen. Zudem sind die erneuerbaren Energien irgendwann so effizient, dass sie keiner Förderung mehr bedürfen. Anders als etwa die Atomindus"trie, die nach wie vor am staatlichen Tropf hängt. Werden aber alle Energieeffizienz- und Einsparpotenziale genutzt, brauche ich keine Atomenergie mehr und erspare mir das Entsorgungsproblem.

    In Ihrem Konzept soll eine "Zukunftsanleihe", eine Art Öko-Soli der Bürger, eine Klima-Offensive tragen. Ist der Klimawandel nicht zu dramatisch, um noch auf Freiwilligkeit zu setzen? Prof. Gege: Mag sein, aber als Marktwirtschaftler versuche ich lieber, gemeinsam mit allen etwas zu bewegen. Die Zukunftsanleihe appelliert aber nicht in erster Linie an den Gemeinsinn -- ist also kein "Soli" -- sondern an das Gewinnstreben. Die Bürger legen ihr Geld im Zukunftsfonds an wie auf dem Sparbuch, nur dass sie hier fünf Prozent Zinsen garantiert kriegen. Der Fonds gibt jedem Geld, der energieeffiziente Maßnahmen durchführen will. Von den Einsparungen zahlt der Bürger beziehungsweise die Unternehmen die Hälfte in den Fonds zurück. Ein wunderbar einfaches System, das Arbeitsplätze in Handwerk und produzierendem Gewerbe schafft. Zudem hat der Anleger das gute Gefühl, dass sein Geld zur Energie- und CO2-Einsparung beiträgt.

    Richtet sich der Zukunftsfonds nur an den Bürger oder auch an Unternehmen? Prof. Gege: Er steht allen offen -- in erster Linie zwar den Bürgern, aber auch der Indus"trie und Stiftungen. Je mehr Kapital zusammenkommt, desto massiver kann man dem Klimawandel begegnen.

    Sinkende Spritpreise gaukeln die Unendlichkeit fossiler Ressourcen vor. Schläft in der Krise die Bereitschaft zur Energiewende ein? Prof. Gege: Hoffen wir es nicht. Denn in der Tat wird der Überfluss nur vorgegaukelt. In 40, spätestens 50 Jahren wird die Nachfrage nach Öl viel größer als das Angebot. Statt sechs Milliarden Menschen werden dann neun Milliarden Ressourcenhunger haben. Neue große Ölfelder werden aber schon seit längerem nicht mehr gefunden.

    Größere Energieeffizienz und dezentrale Blockheizkraftwerke mindern die Profite der Stromkonzerne. Blockieren sie deshalb eine Energiewende? Prof. Gege: Ja, hier ist eine Liberalisierung des Energiemarktes durch eine Freigabe der Netze überfällig. Bisher haben wir ein Oligopol von vier starken Anbietern, die sich den Markt aufteilen. Das muss aufgebrochen werden. Gelingt dies, wie zum Beispiel im Telekommunikationsmarkt, würden die Energiekosten fallen. Warum müssen die Energieversorger ihre Milliardengewinne jedes Jahr noch steigern? Begründet wird dies mit den Investitionen in neue Kohlekraftwerke samt CO2-Abscheidung. Allerdings ist diese Technologie überflüssig, wenn man massiv in Energieeffizienz und Erneuerbare Energien investiert. Und wer sich dort Kompetenzen aneignet, besteht auch auf den neuen Märkten in Osteuropa und Asien, deren Nachfrage nach neuer Umwelttechnologie wächst.

    Nicht jeder Standort ist für jede erneuerbare Energie geeignet. Braucht Europa ein entsprechendes Management? Prof. Gege: Ja, die strategische Verteilung von Sonnen- und Windenergieprojekten oder dem Anbau von Energiepflanzen kann man nicht dem Markt überlassen. Entsprechend hat die EU auch ihre Klimastrategie formuliert: Die einzelnen Staaten bekommen zwar Vorgaben für die CO2-Reduktion, aber es ist ihnen überlassen, wie sie diese erfüllen. Die größten Potenziale für den Ausbau der Solarenergie liegen natürlich in Südeuropa. Mit einem Bruchteil des in der Finanzkrise verbrannten Kapitals hätte man gigantische Solarkraftwerke in der Sahara bauen können, die ihren Strom über Leitungsnetze nach Westeuropa transportieren.

    Kann Deutschland ein ökologisches Wirtschaftswunder gegen konkurrierende Nationen gelingen, die Profite auf Kosten der Umwelt erzielen? Prof. Gege: Selbstverständlich. Die Verfolgung einer ambitionierten Klimastrategie samt Zukunftsfonds würde sich für Deutschland als Standortvorteil erweisen. Denn die Sanierung aller Privat- und öffentlichen Gebäude, die Optimierung der Produktionsprozesse, der Einsatz energieeffizienter Geräte, Pumpen, Motoren, Druckluft, Beleuchtung usw. sowie die Durchsetzung eines nachhaltigen Mobilitätskonzeptes mit einem attraktiven Nahverkehrsangebot könnte unseren Bedarf an fossilen Brennstoffen in den kommenden zehn Jahren um 50 Prozent verringern. Der entscheidende Punkt ist: Wir müssen es anpacken. Wir müssen den Willen haben, eine entschiedene Klimawende herbeizuführen.

    Das Interview führte Joachim Zießler

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Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
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