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Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zur Europameisterschaft: Große Bühne für die Kleinen von Heinz Gläser

Regensburg (ots) - Fünf von insgesamt 51: So viele Spiele stehen an diesem Samstag noch aus, dann ist die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich bereits Geschichte. Sportlich ist das Urteil über das Turnier schon gesprochen. Es fällt nicht vernichtend aus, aber für Euphorie besteht gewiss kein Anlass. Zwischen Lille und Marseille köchelt die Begeisterung immer noch auf Sparflamme. Die Grande Nation lässt diese EURO über sich ergehen, statt sie zu zelebrieren. Sie hat andere Sorgen, und das Image der eigenen Mannschaft ist seit dem Spielerstreik und den Eskapaden während der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika nachhaltig ramponiert. Ein mögliches Halbfinale gegen die deutsche Mannschaft könnte der Europameisterschaft noch einen späten Schub geben. Im Sport - wie im gesamten Leben - zählt schließlich oft der letzte Eindruck, der haften bleibt. Brasilien sah während des Championats vor zwei Jahren ein begeisterndes Offensivfeuerwerk, zumindest in der Vorrunde. Davon ist höchstens noch ein Glimmen zu erahnen. Der Fußball denkt ähnlich wie die Wirtschaft in Zyklen. Derzeit räumen seine Strategen wieder der defensiven Absicherung oberste Priorität ein, sie erheben deren Perfektionierung zur Kunst. Daran mögen sich absolute Fachleute delektieren. Es gilt die Devise: Offensive gewinnt Spiele, Defensive Titel. Wirklich massentauglich ist dieses Rezept nicht, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis das taktische Pendel wieder anders ausschlägt. Derweil ist Michel Platinis Kalkül voll aufgegangen, und das gleich doppelt. Der smarte Franzose hatte einst die Spitzenposition des europäischen Fußballs erobert, indem er die kleinen Verbände und vermeintlichen Underdogs mit Versprechungen und Lockrufen köderte. Diese revanchieren sich nun bei ihrem eigennützigen Gönner, indem sie die große kontinentale Bühne mit Inbrunst erobern und bespielen. Die sympathischen Isländer, die Iren und Nordiren, die Waliser, auch die Ungarn: Sie machen und machten den Charme dieses Turniers aus. Die Uefa mag sich die Hände reiben, weil sich auf einem so gut wie gesättigten Markt plötzlich doch wieder neue Absatz- und Vermarktungschancen auftun. Dass die Flut der Korruptionsaffären im internationalen Fußball ihren Chef Platini längst weggespült hat, steht auf einem ganz anderen Blatt. Für Deutschland gelten unterdessen im kontinentalen Fußball andere Gesetze. Es erlebt seit dem Sommermärchen 2006 eine Art Sonderkonjunktur. So imposant wie die Einschaltquoten ist höchstens noch das Murren über die verhaltenen Darbietungen der Mannschaft in der Gruppenphase. Dabei füllt Joachim Löws Team perfekt seine Rolle aus. Der Kern der DFB-Auswahl steht seit 2010. Thomas Müller, Mesut Özil & Co, sind nicht mehr die jugendlich ungestümen Helden von damals, sondern strikt erfolgsorientierte Routiniers. Entsprechend spulen sie ihr EM-Programm herunter. Das mag bisweilen uninspiriert wirken. Aber effektiv war es bis zum Viertelfinale gegen Italien allemal.

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