Mittelbayerische Zeitung

Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Reinhard Zweigler zu Merkels Rolle in der Welt

Regensburg (ots) - Vermutlich werden es nur einige wenige Stunden der Entspannung sein, die sich Angela Merkel bei den Bayreuther Festspielen gönnen wird. Die Eröffnung mit Richard Wagners "Tannhäuser" hat die Regierungschefin abgesagt. Sie werde jedoch im Laufe der Festspiele Bayreuth besuchen, hieß es jetzt. Vor allem die zahlreichen internationalen Konflikte lassen Merkels Urlaubspläne zu Makulatur werden. Als Kanzlerin sei sie immer im Dienst, sie stehe für alle notwendigen Aufgaben zur Verfügung, ließ die Kanzlerin kurz vor Beginn ihres Urlaubs wissen. Aber was heißt "Urlaub", wenn die Kanzlerin mehrmals am Tag mit den diversen Krisenstäben in Berlin telefoniert, wenn sie mit Präsidenten, wie Barack Obama, Francois Hollande oder dem nun arg in die Bredouille geratenen Wladimir Putin spricht? Auch im Urlaub, das heißt in ihrer Abwesenheit aus Berlin, wird Merkel als Krisenmanagerin Nr. 1 gefragt sein. Die weltweiten Konflikte in der Ukraine, im Nahen und Mittleren Osten und anderswo werden sie fordern. Urlaub ist in dieser Hinsicht eine zu vernachlässigende Größe. Vielleicht gibt es ein paar Stunden Privatleben mehr am Tag. Das war's dann auch schon. Wer in der Küche der Politik erfolgreich bestehen will, darf die Hitze nicht scheuen. Der Flugzeugabschuss von MH 17 mit 298 Toten über der Ost-Ukraine ist eine schreckliche Zäsur in dem seit Monaten andauernden blutigen Konflikt. Noch sind die Hintergründe kaum aufgeklärt, die Verantwortlichen noch nicht ermittelt. Doch nach dem schrecklichen Geschehen ist auch Angela Merkel klar, dass die internationale Gemeinschaft künftig entschiedener gegen die so genannten Separatisten und ihre russischen Handlanger und Drahtzieher vorgehen muss. Die Sanktionen, die bislang nur gegen einige Mitglieder der Putin-Nomenklatura verhängt worden waren, werden auf Unternehmen ausgeweitet, die am Krieg in der Ost-Ukraine direkt oder indirekt beteiligt sind. Auch das ist noch kein scharfes Schwert, ist noch keine harte Sanktion, aber immerhin ein Zeichen: So darf es nicht weitergehen! Merkel und die anderen Regierungschefs der EU sind offenbar bereit, härter gegen Putins Unterstützung der Separatisten im Gebiet Donezk vorzugehen. Wie weit sie dabei gehen werden, hängt vom Kremlchef selber ab. Putin hat die Geduld Merkels, die unablässig zwischen Moskau und Washington moderiert, auf eine harte Probe gestellt. Gleichwohl muss es mit Russland, trotz der verschärften Ukraine-Krise, eine Form der Zusammenarbeit geben. Die Bemühungen der deutschen Kanzlerin gleichen einem Ritt auf der Rasierklinge. Die Verantwortlichen für den heimtückischen Abschuss des Passagierflugzeuges müssen zur Rechenschaft gezogen werden, hat Merkel gefordert. Doch dafür müssten im ukrainischen Absturzgebiet unabhängige Spezialisten untersuchen dürfen. Dass die Separatisten keine ungehinderte Arbeit von OSZE-Mitarbeitern und internationalen Luftverkehrsexperten zulassen, spricht gegen die Russland-Getreuen. Wer die Untersuchungen, die Bergung der 298 Opfer und der Trümmer des Flugzeuges behindert, der hat offenbar etwas zu verbergen oder er hat schlicht kein Mitgefühl für die Opfer. Das eine ist so schlimm wie das andere. Ähnlich vertrackt und scheinbar aussichtslos ist die Lage im Nahen Osten. Nach den Raketen-Angriffen der islamistischen Hamas hat die israelische Regierung hart geantwortet, mit Luft- und Artillerieschlägen und inzwischen mit einer Intervention von Bodentruppen. Weil das Verhältnis zwischen Benjamin Netanjahu und Barack Obama ziemlich zerrüttet ist, ist das mäßigende Wort der deutschen Kanzlerin und ihres Chefdiplomaten Frank-Walter Steinmeier jetzt so wertvoll wie noch nie.

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