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WAZ: Wohnen in den Städten - Mehr Junge ins Revier. Leitartikel von Thomas Wels

    Essen (ots) - Man muss kein Prophet sein, um zu erahnen, welche Folgen die Alterung der Bevölkerung für die betroffenen Regionen hat: was Wohnen und Arbeiten angeht oder die Ausstattung mit Infrastruktur. Man muss allerdings mutig sein, um sich das Ausmaß dieser Folgen ungeschützt vor Augen zu führen.

      Eine Gesellschaft, die stark altert, schrumpft; weniger Menschen
bedeuten weniger Einkommen; weniger Einkommen bedeuten weniger
Geschäfte und Unternehmen; weniger Unternehmen bedeuten weniger
Arbeitsplätze; weniger Arbeitsplätze bedeuten weniger junge Menschen.
Und Alt bedeutet nicht attraktiv für Jung. Achtung Ruhrgebiet: Wir
haben ein Problem.

      Prognos-Forscher sagen für das westliche Ruhrgebiet einen
Bevölkerungsschwund von einem Viertel bis 2050 voraus. Solche
Vorhersagen werden zuweilen als Panikmache geziehen, weil sie
mögliche Reaktionen auf den Schwund nicht berücksichtigen. Stimmt,
aber Hand aufs Herz: Gerade das Revier hat lange gebraucht, um sich
auf Veränderung einzustellen.

      Die Strukturkrisen bei Kohle und Stahl wurden allzu lange nicht
als solche begriffen. Eine vorübergehende Erscheinung, hatte man
gedacht. Lange ging es ja gut. Der Vertrag auf Gegenseitigkeit von
Arbeitern und Ruhrbaronen funktionierte, führte sogar zur
Verhinderung von Ansiedlungen. Bodensperre hieß das, in Herten
blockte sie mit Erfolg die Ansiedlung einer Ford-Fabrik ab; in Bochum
haben findige Wirtschaftsförderer die Sperre mit Tricks gelöst, sonst
gäbe es heute Opel nicht. Die Eigentumsquote in Gelsenkirchen ist
nicht so niedrig, weil hier keiner ein Häuschen haben wollte, sie ist
deshalb so niedrig, weil die Politik keine Häuschen haben wollte.

      Das ist Geschichte. Die Realität heute sieht aber so aus: Nicht
nur das Ruhrgebiet schrumpft, sondern ganz Deutschland. Es tobt ein
Wettbewerb um die jungen, gut qualifizierten Steuerzahler und
Familien, die eine Stadt am Leben halten. Borken im Münsterland
wächst, weil es dort Arbeit gibt, Betreuungsplätze für die Kinder,
viele andere Kinder und günstigen Wohnraum. Was soll da eine Stadt
mit Höchstverschuldung in der Haushaltssicherung tun, wenn andere
Städte Grundstücke aufkaufen und sie zum halben Preis anbieten? Die
zunehmende Rückkehr von Menschen in unsere Städte ist ein Anfang: Wir
brauchen die besten Stadtentwickler, die tabulosesten Haushälter, die
für günstigen, attraktiven Wohnraum sorgen, für Kinderbetreuung rund
um die Uhr, für Freizeit und Kultur.

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