Volle Wartezimmer, zu wenig Personal – warum deutsche Bürokratie internationale Physiotherapeuten ausbremst
Köln (ots)
Physiotherapiepraxen suchen händeringend nach Fachkräften und Patienten warten teilweise wochenlang auf Termine. Gleichzeitig gibt es qualifizierte Physiotherapeuten aus dem Ausland, die in Deutschland arbeiten möchten – doch langwierige Anerkennungsverfahren, Sprachvorgaben und bürokratische Hürden verzögern ihren Berufseinstieg. So bleiben dringend benötigte Fachkräfte außen vor, obwohl der Bedarf längst vorhanden ist.
Deutschland hat nicht nur ein Fachkräfteproblem, sondern auch ein Bürokratieproblem. Wenn qualifizierte Physiotherapeuten arbeiten wollen, aber monatelang auf Anerkennungen und Genehmigungen warten müssen, wird der bestehende Personalmangel zusätzlich verschärft. Nachfolgend erfahren Sie, warum die Integration internationaler Fachkräfte in Deutschland so schwierig ist, welche bürokratischen Hürden ihren Berufseinstieg verzögern und was sich ändern müsste, damit Praxen schneller dringend benötigtes Personal gewinnen können.
Der Fachkräftemangel verschärft sich
Offiziellen Schätzungen zufolge fehlen in Deutschland rund 11.000 Physiotherapeuten, Branchenschätzungen gehen sogar von weit über 30.000 offenen Stellen aus. Gleichzeitig kommen jährlich nur etwa 2.500 neu ausgebildete Fachkräfte hinzu. Da in den nächsten zehn bis 20 Jahren außerdem zahlreiche Therapeuten in den Ruhestand gehen, dürfte sich die Situation weiter zuspitzen.
Die Folgen zeigen sich bereits im Praxisalltag. Patienten warten länger auf Termine, während die vorhandenen Teams zusätzliche Behandlungen übernehmen müssen. Auch wirtschaftlich sind unbesetzte Stellen problematisch: Ein zusätzlicher Therapeut kann einer Praxis rund 100.000 Euro Mehrumsatz pro Jahr ermöglichen. Fehlt das Personal, bleiben daher nicht nur Behandlungskapazitäten, sondern auch erhebliche Einnahmen aus.
Internationale Physiotherapeuten könnten einen Teil dieser Lücke schließen. Qualifizierte Bewerber sind vorhanden und möchten in Deutschland arbeiten. Allerdings scheitert ein schneller Berufseinstieg häufig nicht an ihrer fachlichen Eignung, sondern an langwierigen Verfahren.
Anerkennung wird zum Nadelöhr
Ein wesentliches Problem ist die föderale Organisation der Berufsanerkennung. Die Zuständigkeit liegt bei den Bundesländern, weshalb sich Verfahren und Entscheidungen unterscheiden können. Dieselbe Ausbildung kann somit je nach Standort der künftigen Praxis unterschiedlich bewertet werden. Für Fachkräfte und Arbeitgeber erschwert das die Planung erheblich.
Werden Unterschiede zur deutschen Ausbildung festgestellt, müssen Bewerber diese etwa durch einen Anpassungslehrgang oder eine Kenntnisprüfung ausgleichen. Die fachliche Überprüfung ist sinnvoll, doch häufig fehlen ausreichend Lehrgangsplätze und Prüfungstermine. Dadurch kann nach dem Anerkennungsbescheid bereits die nächste Wartezeit beginnen.
Weitere Verzögerungen entstehen durch Nachforderungen. Beglaubigte Übersetzungen, Apostillen, Echtheitsprüfungen oder detaillierte Curricula müssen teilweise im Herkunftsland beschafft werden. Jede zusätzliche Anforderung kann das Verfahren um Wochen verlängern. Formale Bearbeitungsfristen helfen deshalb nur begrenzt, wenn sie erst bei vollständig vorliegenden Unterlagen greifen.
Zu viele Stellen, zu wenig Abstimmung
Neben der Anerkennungsstelle sind häufig Ausländerbehörde, deutsche Auslandsvertretung und Bundesagentur für Arbeit beteiligt. Sie bearbeiten verschiedene Teile desselben Falls, verfügen jedoch nicht zwangsläufig über einen gemeinsamen Datenstand. Unterlagen werden dadurch mehrfach eingereicht und ein zentraler Ansprechpartner für den gesamten Prozess fehlt.
Auch die Einreise kann den Arbeitsbeginn verzögern. Selbst eine fachlich und sprachlich vorbereitete Fachkraft mit Arbeitsvertrag ist auf einen Termin bei der zuständigen Auslandsvertretung angewiesen. Lange Wartezeiten wirken sich deshalb unmittelbar auf die Personalplanung der Praxis aus.
Ähnlich verhält es sich mit den Sprachanforderungen. Gute Deutschkenntnisse sind für die Arbeit mit Patienten unverzichtbar. Problematisch ist vielmehr, wenn Zertifikate unterschiedlich akzeptiert werden oder Anforderungen je nach zuständiger Stelle variieren. Für Bewerber und Arbeitgeber wird dadurch schwer vorhersehbar, welche Voraussetzungen tatsächlich erfüllt werden müssen.
Einheitliche Verfahren statt niedrigerer Standards
Eine schnellere Integration internationaler Physiotherapeuten setzt deshalb vor allem verlässlichere Strukturen voraus. Bundeseinheitliche Standards könnten dafür sorgen, dass vergleichbare Qualifikationen nach denselben Kriterien bewertet werden. Gleichzeitig braucht es verbindliche Bearbeitungsfristen und vollständig digitale Verfahren, über die alle Beteiligten den aktuellen Bearbeitungsstand nachvollziehen können.
Darüber hinaus müssen die Kapazitäten für Anpassungslehrgänge und Kenntnisprüfungen steigen. Ein zentraler Verantwortlicher pro Fall könnte außerdem die beteiligten Stellen koordinieren und unnötige Mehrfachprüfungen verhindern. Eine durchgängige befristete Berufserlaubnis während des Anerkennungsverfahrens würde zusätzlich ermöglichen, vorhandene Qualifikationen früher einzusetzen, sofern die fachlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Dafür benötigen Praxen jedoch klare rechtliche Vorgaben.
Es geht ausdrücklich nicht darum, fachliche Anforderungen zu senken. Qualifikation, Sprachkenntnisse und Patientensicherheit müssen zuverlässig geprüft werden. Doch hohe Standards und effiziente Verfahren schließen sich nicht aus. Wenn Deutschland internationale Physiotherapeuten gewinnen möchte, muss deshalb neben der Anwerbung auch die Verwaltung funktionieren. Andernfalls warten qualifizierte Fachkräfte auf ihre Genehmigung, während in den Praxen weiterhin Personal und Behandlungstermine fehlen.
Über Tobias Frese:
Tobias Frese ist Gründer und Geschäftsführer der Frese Recruiting GmbH. Die Personalagentur vermittelt qualifizierte Physiotherapeuten aus dem Ausland an deutsche Praxen. Dabei übernimmt die Agentur den kompletten Prozess von Auswahl bis Integration. Mehr Informationen unter: www.frese-recruiting.de
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