Studieren und Arbeiten am selben Ort
Studieren und Arbeiten am selben Ort
Hochschulmitarbeiter:innen wechseln zwischen Job und Lehrveranstaltung
Bremerhaven, 18. September 2026
Berufsbegleitend zu studieren, liegt derzeit stark im Trend. Dies ermöglicht den Erwerb zusätzlicher fachlicher Qualifikationen, ohne auf ein regelmäßiges Einkommen zu verzichten. Auch Susanne Lehmann und Dipl.-Ing. Jörn Böcker haben sich für diesen Weg entschieden. Dabei müssen sie zwischen Arbeitsplatz und Lehrveranstaltung keine weiten Strecken zurücklegen: Nach mehr als 20 Jahren Berufstätigkeit an der Hochschule Bremerhaven tauschen sie ihre Büros stundenweise für einen Platz im Hörsaal ein. Das bringt auch Herausforderungen mit sich.
An der Hochschule Bremerhaven ist sie ein bekanntes Gesicht. Susanne Lehmann arbeitet seit 21 Jahren als Sekretärin im Rektorat. Nun wagt sie einen ganz neuen Schritt: Zum kommenden Wintersemester hat sich die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin für den Bachelorstudiengang Soziale Arbeit eingeschrieben. „Der Druck ist raus“, sagt sie. „Wenn man jung ist, dann hört man von allen Seiten: ‚Du musst eine Ausbildung machen. Du musst Geld verdienen.‘ Jetzt habe ich das alles erreicht und kann nochmal etwas Neues machen, einfach nur, weil es mich interessiert.“ Sie empfinde es als großes Glück, dass sie wieder „zur Schule gehen“ und neues Wissen aufnehmen darf. Nach dem Fachabitur habe sie ein Studium gar nicht in Betracht gezogen. „Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, in der niemand studiert hat. Es gab also auch niemanden, der mir Tipps geben konnte. Für mich war klar, dass ich eine Ausbildung mache.“
Unterstützung macht Mut für Bewerbung
Diese Entscheidung liegt nun mehr als 30 Jahre zurück. Seitdem hat Susanne Lehmann sich immer wieder privat weitergebildet, unter anderem im Bereich Rhetorik und Gewaltfreie Kommunikation. Schön länger interessiert sie sich für den Studiengang Soziale Arbeit. Dass sie sich nun getraut hat, sich tatsächlich zu bewerben, liegt auch am Rektor Prof. Dr. Dr. h.c. Alexis Papathanassis. „Er hat mich dazu ermutigt, es einfach zu versuchen. Dafür bin ich ihm wirklich sehr dankbar! Ohne seine Unterstützung hätte ich es vermutlich niemals gemacht.“ Diese Form der Unsicherheit ist unter Personen, in deren Familien noch niemand studiert hat, weit verbreitet. Sie trauen sich ein Studium nicht zu oder bezweifeln, dass sie überhaupt einen Studienplatz bekommen. Unterstützung durch Menschen, die diesen Weg bereits hinter sich haben, kann dabei Mut machen.
Nach der Entscheidung musste es schnell gehen: Gesetzliche Regelungen im Land Bremen sehen für zulassungsbeschränkte Studiengänge eine Altersgrenze von 55 Jahren vor. Im kommenden Jahr hätte Susanne Lehmann sich daher nicht mehr bewerben können. Für sie bedeutete das, sich innerhalb weniger Tage einen Praktikumsplatz suchen zu müssen. Ein vierwöchiges Praktikum ist Voraussetzung für die Zulassung zum Studium. „Ich hatte viel Unterstützung durch die Lehrenden im Studiengang. Sie haben mir Tipps gegeben, wo ich mich bewerben kann.“ Sie kontaktierte den Verein Weser-Ems-Perspektiven e.V., eine Anlaufstelle für Frauen mit Migrationshintergrund, und bekam dort sofort eine Zusage. Susanne Lehmann zog ihren Urlaub vor und absolvierte in dieser Zeit das Praktikum. Mit der Bescheinigung in der Tasche stand der Einschreibung nichts mehr im Wege. „Inzwischen frage ich mich, warum ich das nicht schon früher gemacht habe.“
Vom Lehrenden zum Studenten
Mit ihrer Entscheidung, an der Hochschule nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu studieren, ist sie nicht allein. Auch Jörn Böcker sitzt wieder im Hörsaal – allerdings bereits seit dem Sommersemester 2026. Er hat sich für den Masterstudiengang Windenergietechnik eingeschrieben. Die Besonderheit: Als wissenschaftlich-technischer Mitarbeiter hat er diesen nicht nur mitentwickelt, sondern lehrt auch in den Laboren. Warum er nun einige Semester lang die Seite wechselt? „Ich habe den Plan schon lange gehabt und bereits vor meiner Einschreibung einzelne Lehrveranstaltungen besucht. Es ist eine gute Möglichkeit, mein Wissen aufzufrischen und zu erweitern“, sagt er.
Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Jörn Böcker an der Hochschule. Er hat unter anderem an verschiedenen Forschungsprojekten mitgewirkt und das Institut für Windenergietechnik, fk-wind, mitaufgebaut. Seitdem ist in seinem Fachgebiet viel passiert. „Damals gab es noch viel grundständige Forschung. Heute ist das alles viel schnelllebiger.“ In den Lehrveranstaltungen bekommt er neue Impulse und die Gelegenheit, wieder mehr handwerklich zu arbeiten. Bei den Praxisprojekten ist ihm wichtig, dass die fertigen Arbeiten im Studiengang weitergenutzt werden können. Zuletzt hat er gemeinsam mit einer Kommilitonin einen Generator gebaut. Dieser soll perspektivisch unter anderem bei Studieninformationstagen eingesetzt werden.
Seine Berufstätigkeit hat Jörn Böcker für sein Studium nicht aufgegeben, weshalb er in seinem Semester eine Doppelrolle innehat. Während der Vorlesungen sitzt er als Lernender zwischen seinen Kommiliton:innen, bei Praktika in seinem Labor leitet er die Übungen an. Das habe natürlich zunächst dazu geführt, dass die Studierenden untereinander darüber geredet haben. „Sie haben mich darauf angesprochen und ich habe es ihnen erklärt. Seitdem ist es kein Thema mehr. Wir haben auch keine Probleme damit, im Labor die nötige Distanz zu wahren.“
Während Jörn Böcker nun schon Erfahrungen sammeln konnte, wie er seinen Arbeitsalltag und sein Studium unter einen Hut bringen kann, steht dies Susanne Lehmann noch bevor. „Mir ist bewusst, dass das eine große Herausforderung wird und ich sehr viel zu Hause arbeiten muss. Aber ich freue mich sehr darauf“, sagt sie. Aktuell ist sie im Austausch mit den zuständigen Kolleg:innen, um das kommende Semester sinnvoll zu planen. „Das ist für mich auch eine Besonderheit: Wir sind eine kleine Hochschule, in der alles möglich gemacht wird.“ Am 5. Oktober wird sie gemeinsam mit allen anderen Erstsemestern im Stadttheater Bremerhaven der Begrüßungsrede des Rektors lauschen. Dann beginnt die diesjährige Orientierungswoche.
Mit Begeisterung studieren, lehren und forschen – dafür steht die Hochschule Bremerhaven. In mehr als 20 praxisnahen und innovativen Studiengängen profitieren die rund 3.000 Studierenden von der engen Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft und modernen Lehr- und Lernansätzen. Die zahlreichen Forschungsaktivitäten der „Hochschule am Meer“ wurden bereits vielfach ausgezeichnet und unterstützen nachhaltige Entwicklungen in der Region und darüber hinaus.
Pressekontakt: Hochschule Bremerhaven Nadine Metzler An der Karlstadt 8 27568 Bremerhaven nmetzler@hs-bremerhaven.de presse@hs-bremerhaven.de