DIE ZEIT

ZEIT: Der türkische Staatsminister für Wirtschaft, Kemal Dervis, warnt Westen vor "Erpressung"
Türkei in "tiefer Krise"
Festhalten an 2004 als Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen

    Hamburg (ots) - Die türkische Regierung hat die Länder der EU und
Amerika vor "Erpressung" gewarnt. Vor den Beratungen des
Internationalen Währungsfonds und der G7-Staaten über Finanzhilfen an
die Türkei, sagte der türkische Staatsminister für Wirtschaft Kemal
Dervis in einem Interview in der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung
DIE ZEIT: "Die Türkei braucht dringend wirtschaftliche Unterstützung,
aber es wäre ein großer, großer Fehler, wenn der Westen diese Hilfe
an politische Bedingungen knüpfen würde. Davor möchte ich warnen."
    
    Weiter sagte er der ZEIT: "Wir erfüllen alle wirtschaftlichen
Bedingungen, damit die finanzielle Hilfe wirksam werden kann. Das
dürfen die Geldgeber auch gerne kontrollieren. Aber politische
Bedingungen an die Finanzhilfe zu knüpfen - das ist Erpressung. Damit
würde in der Türkei übrigens auch das Gegenteil des Gewünschten
erreicht werden."
    
    Die Türkei erlebt nach Einschätzung des populären
Wirtschaftsministers "eine tiefe Krise", die in der Bevölkerung "zu
einer unerwartet heftigen Reaktion gegenüber allen, die für
verantwortlich gehalten werden," geführt habe. Die Demokratie in der
Türkei sei "nicht perfekt, aber sie funktioniert." Es sei eine
"Übertreibung", das System "total bankrott" zu nennen. Das System
müsse aber "erneuert werden". Konkret nannte er die "Restrukturierung
des Parteiensystems" und eine Entflechtung von Politik und
Wirtschaft. Wörtlich sagte Dervis: "Politik und Wirtschaft müssen in
der Türkei getrennt werden. Es sind ja nicht nur die Politiker, die
sich ins tägliche Leben der Wirtschaft einmischen, es ist auch die
Wirtschaft, die von der Politik dauernd irgendwelche Subventionen
verlangt."  
    
    Trotz der Krise hält Dervis an der Absicht von Ministerpräsident
Bülent Ecevit fest, im Jahr 2004 die EU-Beitrittsverhandlungen
aufzunehmen: "Es ist möglich - wenn wir bergauf kommen." In manchen
Wirtschaftsbereichen - Beispiel Marktintegration - sei die Türkei
"schon heute besser als Ungarn oder Polen." Dervis verlangt ein neues
"Selbstbewusstsein" der Türkei: "Wenn wir uns wieder selbst
vertrauen, werden die Probleme plötzlich sehr klein sein." Die
nötigen politischen Reformen würden verabschiedet, "sobald sich die
Türkei wieder stark fühlt." Die Türkei brauche "eine Atmosphäre, in
der wir diese Reformen selbst wollen - und nicht weil das Ausland sie
will."
    
    
         Diese PRESSE-Vorabmeldung aus der ZEIT Nr. 18/2001 mit
         Erstverkaufstag am Donnerstag, 26. April 2001, ist unter
         Quellen-Nennung DIE ZEIT zur Veröffentlichung frei. Der
         Wortlaut des ZEIT-Interviews kann angefordert werden.
              
              
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