DIE ZEIT

Erstmals spricht Jan Philipp Reemtsma mit der Presse über seine Gefühle im Entführungsprozess gegen den mutmaßlichen Kopf der Erpresserbande, Thomas Drach

Hamburg (ots) - Auszüge aus Reemtsmas Exklusiv-Interview mit der ZEIT Zum Prozess: "Ich als derjenige, mit dessen Leben damals gespielt wurde, kann das nur aushalten, wenn ich die Erinnerungen in mir klein halte. Täte ich das nicht, könnte ich das alles kaum ertragen. Ich muss mir die Sache selber von außen ansehen, so, als könnte ich mich auch darüber amüsieren. ZEIT: Amüsieren Sie sich denn tatsächlich? Reemtsma: "Ich bin verblüfft. Die Komik der Verhandlung entgeht mir nicht, doch sie wird gebremst durch all meine anderen Empfindungen. Das führt letztlich zu einer emotionellen Kompromissbildung, meinem Erstaunen."... "Und wenn dann reihenweise banale Menschen auftreten, die selber die Dimension ihrer Tat gar nicht begreifen, dann entsteht jener Effekt, der das Böse banal wirken lässt, obwohl es das nie ist. Ein dämonischer Täter wird gesucht und nicht gefunden. Das ist eine Wahrnehmung, mit der Opfer von Verbrechen oft konfrontiert werden. Das, was die eigene Geschichte sucht, findet sie im Gerichtssaal nicht." ZEIT: "Hilft Ihnen der Prozess dabei, das Geschehene zu verarbeiten?" Reemtsma: "Selbst fertig werden muss ich damit trotzdem. Auch die Tatsache, dass der Haupttäter jetzt vor Gericht steht, macht die Anforderungen nicht geringer. Eine Gerichtsverhandlung ist ja keine Psychotherapie. Sie kann allenfalls verhindern, dass die Sache noch schlimmer wird." Zu Drachs krimineller Vita: "Das alles, meine ich, hätte für Sicherungsverwahrung gesprochen. Denn: Selbst wenn Drach die Höchststrafe bekäme und ihm die Untersuchungshaft in Argentinien eins zu eins angerechnet würde, hätte er immer noch einen Erlös von zwei Millionen Mark pro Haftjahr. Und selbst wenn sein Mittäter mehr erhalten hätte, als er zugibt, hätte sich dann das Verbrechen gelohnt." Reemtsma zur Erinnerung: "Die Erinnerung ist natürlich immer da. Man kann es auch so beschreiben: Wenn Sie sich ein grosses Möbel kaufen und es sich ins Zimmer stellen, dann sehen Sie es jeden Tag in den Wochen und Monaten nach der Anschaffung. Und irgendwann gehört es zur Einrichtung, und Sie gucken nicht mehr hin. Nur manchmal, und dann denken Sie: Was ist das für ein schöner Schrank, oder: Hätte ich ihn bloss nie gekauft. Sie müssen nur immer wissen, dass er da ist, weil Sie sonst dagegen rennen." Reemtsma über den Tod: "Nicht meine Einstellung zum Tod hat sich verändert, sondern die Art des Wissens um den Tod. Jeder weiss, dass er sterben muss, und jeder weiss es irgendwie auch nicht. Besser: Jeder weiss, dass er es muss, und keiner glaubt es. Es sei denn, man hat durch Erlebnisse wie eine schwere Krankheit und vor allem solche, wo das eigene Leben abhängig war von der Willkür eines anderen, das Wissen, dass das Leben von einem Augenblick auf den anderen zu Ende sein kann." "Ich empfinde vor Gericht keine Genugtuung. Ich sitze da. Und da sitzt der Angeklagte. Und ich denke mir: Okay, wenigstens das." Diese PRESSE-Vorabmeldung aus der ZEIT Nr. 05/2001 mit Erstverkaufstag am Donnerstag, 25. Januar 2001, ist unter Quellen-Nennung DIE ZEIT zur Veröffentlichung frei. Der Wortlaut des ZEIT-Textes kann angefordert werden. ots Originaltext: Die Zeit Im Internet recherchierbar: http://recherche.newsaktuell.de Für Rückfragen steht Ihnen das Team der ZEIT-Presse- und Public Relations Elke Bunse (Tel. 040/ 3280-217, Fax -558, e-mail: bunse@zeit.de) und Victoria Johst (Tel. 040/3280-303, Fax-570, e-mail: johst@zeit.de) gern zur Verfügung. Original-Content von: DIE ZEIT, übermittelt durch news aktuell

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