DIE ZEIT

Joschka Fischer setzt auf Barack Obama

Hamburg (ots) - Joschka Fischer, ehemaliger deutscher Außenminister, wünscht sich Barack Obama als nächsten US-Präsidenten. "Ich bin für Obama", sagt Fischer der ZEIT. Angesichts globaler Herausforderungen wie dem Klimawandel, der drohenden Weltwirtschaftskrise und den Kriegen in Afghanistan und im Irak traue er Obama mehr Gestaltungskraft zu. Obamas Rivale John McCain hingegen sei "schon sehr alt, und ob er die Welt von heute wirklich versteht, wie dies der Präsident der USA eigentlich sollte, weil vor allem er diese Welt eben führen muss, das weiß ich nicht, da habe ich meine Bedenken."

Zu Obamas Rede in Berlin sagt Fischer: "Mir hat die Begeisterung der Deutschen gut gefallen, das war eine echte Demonstration des Proamerikanismus. Wenn auch deutlich geprägt von dem Wunsch: Bitte erlöse uns von George W.!" Einwände, Obamas Äußerungen seien ziemlich unkonkret gewesen, hält Fischer entgegen: "Seine Rede in Berlin war Klartext. Er hat den Europäern gesagt: Mit mir wird in Zukunft gemeinsam entschieden und dann gemeinsam gekämpft, und wenn es sein muss, auch gemeinsam gestorben. Die Arbeitsteilung: Wir kämpfen und ihr baut auf, die wird so nicht mehr funktionieren." Diese Einschätzung teile er, sagt Fischer, angesichts der bisherigen europäischen Außenpolitik verstehe er "die Kritik der Amerikaner und bewundere sie, dass das nicht sehr viel mehr in Verachtung gegenüber den Europäern umschlägt".

Fischer, der 2006 eine einjährige Gastprofessur in Princeton inne hatte, ist indes kein Bewunderer des amerikanischen Lebensstils geworden: "Ich bin von dem Land und seinen Leuten fasziniert, aber dauerhaft dort zu leben würde mir sehr schwerfallen. Ich habe mich früher immer gefragt, warum die deutschen Emigranten wie Brecht oder Thomas Mann nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekommen sind. Jetzt kann ich das ganz gut verstehen." Als Ursachen hierfür nennt Fischer zum einen "das gesellschaftliche Verhalten: Die Amerikaner sind erst mal sehr direkt im Kontakt, sehr freundlich, aber dann steht man vor einer riesigen Chinesischen Mauer vor dem eigentlichen Ich. Da kommen Sie lange nicht durch oder darüber hinweg." Zudem hätten ihn die Klassenunterschiede überrascht: "Theoretisch wusste ich das ja alles auch vorher schon, aber es ist noch mal was anderes, wenn Sie mitbekommen, dass Leute nicht zum Arzt gehen können, obwohl sie chronisch krank sind, weil sie ihr monatliches Budget überschritten haben und dann tagelang mit rasenden Kopfschmerzen abgedunkelt zu Hause liegen und man dann selbst anfängt, sich um sie zu kümmern ... Es ging vielen Menschen um einen herum richtig schlecht, und das lässt mich nicht unberührt. In Deutschland wird bisweilen vergessen, was ein entwickelter Sozialstaat wirklich bedeutet."

Als junger Mann hätten die USA stets zu seinem Lebensgefühl gehört, "positiv und negativ", sagt Fischer. "Es gab den Vietnamkrieg, aber es gab auch Bob Dylan. Ich hatte immer das Gefühl, letztlich sind wir uns sehr ähnlich, die Europäer und die Amerikaner. Nach dem Jahr in Princeton muss ich sagen: Das Gegenteil ist der Fall." Fremd, sagt Fischer, sei ihm sogar das Essen gewesen. "Ich bin nach einigen Monaten extra in New York zur Metzgerei Schaller + Weber marschiert ... Deutschland ist das Land des Brotes und der Würste. Darauf sollten wir stolz sein, da gibt es nichts zu schämen."

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Das komplette ZEIT-Interview der ZEIT Nr. 34 vom 14. August 2008 
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